
Ein Schlüssel zu mehr Sicherheit?
Die Tatsache, dass es im gesamten Alpenraum eine Vielzahl verschiedener Wegeklassifikationen gibt, macht es für die Nutzer:innen schwierig sich zurechtzufinden. Unterschiedliche Begriffe, unterschiedliche Farben und unterschiedliche Kategorien sorgen aktuell oft für Verwirrung. Nachvollziehbare Kriterien in der Klassifikation können in diesem Zusammenhang eine realistische Selbsteinschätzung ermöglichen und für eine bessere Vergleichbarkeit von Wegen sorgen, was letztlich auch ein Schlüssel für mehr Sicherheit beim Bergwandern sein könnte!
Walter Würtl, Alpinwissenschafter, Sachverständiger, Bergführer und ÖKAS-Expertenmitglied
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Walter Würtl
Alpinwissenschafter, Sachverständiger, Bergführer und ÖKAS-Expertenmitglied
Walter Würtl ist seit über 30 Jahren als Bergführer und Experte für alpine Sicherheit tätig. Er beschäftigt sich insbesondere mit Risikomanagement am Berg und mit Projekten zur Unfallprävention.
Allgemeines
Unfällen beim Wandern und Bergsteigen sind (auch) „wegebedingt“. Je „schwieriger“ der Weg, desto eher kommt es zu: „Sturz, Stolpern, Ausgleiten – also zur Eintrittswahrscheinlichkeit. Je „ausgesetzter“ der Weg, desto dramatischer sind die Konsequenzen – desto größer ist das Schadensausmaß.
Je schwieriger und ausgesetzter der Weg, desto höher ist das RISIKO!
(Eintrittswahrscheinlichkeit x Schadensausmaß)
Zu Unfällen kommt es, weil zu oft die „falschen Leute“ auf den „falschen Wegen“ unterwegs sind. Allein in Tirol gab es in den letzten 10 Jahren 217 Tote und 1.657 Schwerverletzte beim Wandern. Hier kann und muss man ansetzen – vor allem in der Prävention.
Am Beispiel Achensee-Ufersteig von Pertisau zur Gaisalm sieht man, Anforderungen und Risiko werden nicht ausreichend kommuniziert und es gibt laufend schwere, auch tödliche Unfälle. D. h. eines der Ziele von DIGIWAY ist die Kommunikation von guten und richtigen Informationen zum Weg – wie etwa die Ausgesetztheit, die im vorherigen Vortrag zur Sprache kam.
Ein technisch leichter Weg kann durchaus auch absturzgefährlich sein, was entsprechend kommuniziert werden muss;
Folie au dem Vortrag von Walter Würtl im Rahmen des Alpinforums 2025.
Grundproblem Schwierigkeitsklassifizierungen
Ein Grundproblem in der Kommunikation ergibt sich durch eine nicht einheitliche Klassifikation von Wander- und Bergwegen.
In jedem österreichischen Bundesland gibt es eine andere Klassifikation, zum Teil mit sehr großen Unterschieden. Vor allem in Vorarlberg findet man eine völlig andere Klassifikation hinsichtlich Begriffe und Farben. In Vorarlberg ist wie in der Schweiz blau das Anspruchsvollste, während im Wegekonzept des Alpenvereins blau das Einfachste ist. Das ist beinahe eine babylonische Sprachverwirrung. Aber es lassen sich auch Gemeinsamkeiten finden, was in der Tabelle (siehe unten) mit den dicken horizontalen Linien verdeutlicht wird.
Ein Ergebnis des DIGIWAY-Projektes wird sein, bis zum abschließenden Stakeholdertag am 4. Februar 2026 einen digitalen Übersetzer für die Schwierigkeitsbewertungen zu haben – dieser wird über die Website DIGIWAY erreichbar sein. Damit kann man in der Klassifikation bleiben, in der man sich auskennt.
Die Schwierigkeit eines Weges wird nicht einheitlich angegeben;
Folie au dem Vortrag von Walter Würtl im Rahmen des Alpinforums 2025.
Die Klassifikationen und ihre Kriterien
Kommunikation ist schwierig, da Klassifikationen verschiedene Kriterien miteinander kombinieren. Immer findet man etwas zur technischen Schwierigkeit und zur Konsequenz und meist auch noch zur Naturgefahr. Das ist problematisch, denn für eine objektive Beurteilung ist eine Trennung der Kriterien notwendig. Schließlich gibt es auch technisch einfache Wege, die aber sehr ausgesetzt sein können und zwar so ausgesetzt, dass ein Sturz dramatische Konsequenzen hat. Andererseits gibt es auch technisch schwierige Wege, die aber nicht ausgesetzt sind und wo ein Sturz keine schlimmen Folgen nach sich ziehen wird.
Eine Trennung der Kriterien ist unbedingt notwendig;
Folie au dem Vortrag von Walter Würtl im Rahmen des Alpinforums 2025.
Definition der technischen Schwierigkeit
Die Schweiz hat hier schon sehr viel Vorarbeit geleistet und sich überlegt, anhand welcher Parameter die technische Schwierigkeit definiert werden könnte. Wir haben das aufgenommen und dennoch viel über die möglichen Parameter wie die Breite des Weges, Auftrittsgröße, Wegunebenheiten, Rutschigkeit der Oberfläche, Längsneigung, Querneigung, Abgrenzung des Wegrandes etc. diskutiert. Und außerdem mussten wir uns die Frage stellen, ob eine solch genaue Aufnahme von Parametern in der Praxis überhaupt möglich ist.
Wir gingen daher auf eine einfache Alternative über: Die technischen Schwierigkeiten werden über die sportmotorischen Anforderungen, unter denen sich jeder etwas vorstellen kann, definiert:
Definition der technischen Schwierigkeit;
Folie au dem Vortrag von Walter Würtl im Rahmen des Alpinforums 2025.
Geringe Anforderungen
einfach / leicht
Grundlegende sportmotorische Fähigkeiten – „gute Alltagsfitness“
- Treppensteigen
- sicheres Gehen auf unregelmäßigem Untergrund
- Wechsel von großen und kleinen Schritten
- selbständiges Aufstehen nach einem Sturz
⇒ Für Wanderer
Erhöhte Anforderungen
mittel / mittelschwer
Erweiterte sportmotorische Fähigkeiten – „alpinspezifische Fitness“
- Trittsicherheit: sicheres Auftreten auf kleinen Tritten
- Gleichgewicht: Stehen auf einem Bein mit offenen Augen bzw. sicheres Gehen auf einer Linie
- Reaktionsfähigkeit: rasche Stabilisierung nach einem Ausrutscher
- Kraft: für einbeinige Kniebeugen in Stuhlhöhe ca. 45 cm
⇒ Für geübte Bergwanderer:innen
Hohe Anforderungen
schwierig / schwer
Ausgeprägte sportmotorische Fähigkeiten – „hohe alpinspezifische Fitness“
- Trittsicherheit: sicheres Auftreten auf sehr kleinen Tritten + großen Schritten
- Gleichgewicht: Stehen auf einem Bein mit geschlossenen Augen
- Schwindelfreiheit: auch an exponierten Stellen
- Reaktionsfähigkeit: rasche Stabilisierung auch in schwierigem Gelände
- Kraft: einbeinige Kniebeugen in Tischhöhe ca. 75 cm
- Konzentrationsfähigkeit: über lange Strecken bzw. mehrere Stunden
- klettertechnische Fähigkeiten: gute Koordination und Gebrauch der Hände
⇒ Für alpin erfahrene Bergsteiger:innen
Darüber und darunter gibt es im Prinzip auch noch zwei weitere Kategorien: Einmal die sehr hohen Anforderungen, die meistens als Alpine Route abgebildet werden, und andererseits Wege, für die man keine sportmotorischen Anforderungen braucht, wie Talwege, barrierefreie Wege oder Promenadenwege am Berg.
So gesehen könnte man fünf Klassen entwerfen, wobei sehr gering und sehr hoch keine typischen Wander- und Bergwege sind.
Theoretisch könnte man fünf Kategorien anführen;
Folie au dem Vortrag von Walter Würtl im Rahmen des Alpinforums 2025.
Status Quo
Es gibt viele gute Karten, wie etwa die Alpenvereinskarten, die sehr verlässlich sind. Die hier eingezeichneten Wege gibt es wirklich und der Wegverlauf ist richtig. Aber alle Wege sind rot. Man sieht also nicht, ob es sich um einen leichte, mittelschweren oder schweren Weg handelt. Auch nicht, ob es sich um einen ausgesetzten oder nicht ausgesetzten Abschnitt handelt und nicht, wo die Konsequenzen dramatisch sind und wo nicht.
In der OpenStreetMap wird dem Wegverlauf eine Klassifikation mittels der T-Skala zugeordnet. Hier ist aber fraglich, ob der Wegverlauf stimmt, denn auf diesen Karten wird alles aufgenommen, was wir alle sammeln. Es gibt keine gesicherten Wegedaten und auch die Richtigkeit der Klassifikation ist nicht sicher.
Ziel
Das Ziel wäre, einerseits einen richtigen Wegverlauf zu haben und gleichzeitig die richtige Information zur technischen Schwierigkeit des Weges. Damit hätte man eine Karte, auf der korrekte Wege mit den Farben blau, rot und schwarz für die drei Hauptkategorien hinterlegt wären. Das wäre ein großer Mehrwert hinsichtlich Unfallprävention, denn nur wenn man richtige und gute Informationen ausspielt, kann man auch erwarten, dass sich die Leute eigenverantwortlich richtig entscheiden.
Die Zuverlässigkeit der Daten müsste gesichert werden, in dem die Informationen von den Wegehaltern kommen, die nicht nur die Wegehaftung haben, sondern vor allem über das nötige Wissen verfügen.
Ideal wäre eine Karte mit zuverlässigem Wegverlauf und Angabe der technischen Schwierigkeit;
Folie au dem Vortrag von Walter Würtl im Rahmen des Alpinforums 2025.
Beurteilung der Ausgesetztheit
Bei der Ausgesetztheit geht es immer um die Konsequenz, die ein Sturz nach sich zieht.
Für die Definition dieser Klassen zogen wir die Daten der Unfallstatistik heran. Mit Hilfe der Unfallbeispiele ergab sich eine Evidenz, ab wann ein Ausrutschen zum Tod führt.
Welche Konsequenzen zieht ein Sturz nach sich?
Folien au dem Vortrag von Walter Würtl im Rahmen des Alpinforums 2025.
Die Vision wäre schlussendlich, auf einer Karte zuverlässige Informationen zu Wegverlauf, Ausgesetztheit und technischer Schwierigkeit zu haben.
Beurteilung der Naturgefahren
Im Zuge des Klimawandels und interessanten Wetterphänomen wie Starkniederschlagsereignissen, die nicht nur häufiger, sondern auch in der Intensität stärker werden, ist die Naturgefahrenlage ein großes Thema. Das Beispiel „Drischlsteig“, einem sehr schönen, aber steinschlaggefährdeten Steig durch eine Felswand, zeigt, wie man mit Naturgefahren umgehen kann. Hier wurden am Beginn des Steiges Warntafeln angebracht, die darauf hinweisen, dass man den Weg beispielsweise bei starkem Regen nicht gehen sollte. Das Problem ist allerdings, die Tafel sieht man erst, wenn man am Einstieg ist. Ähnliches gibt es vom Projekt „Bergwelt Tirol – Miteinander erleben“ vom Land Tirol, wo mit dem Werkzeug R.A.G.N.A.R. die Gefahrenstellen bewertet und mit Tafeln kommuniziert werden. Aber auch diese sieht man erst direkt vor Ort im Gelände.
Die Warnung vor Naturgefahren sollte man im Idealfall nicht erst vor Ort sehen, sondern bereits zu Hause bei der Planung; Folie au dem Vortrag von Walter Würtl im Rahmen des Alpinforums 2025.
Zusammenfassung
Die schlüssige und leicht nachvollziehbare Wegeklassifikation mit technischer Schwierigkeit, Ausgesetztheit (Konsequenzen) und Naturgefahren wäre eine wichtige Grundlage für die Unfallprävention.
Durch die Kommunikation der relevanten Inhalte können die Wanderer in Eigenverantwortung agieren und ihr Unfallrisiko senken!
Wie hoch die Relevanz ist, kann man nach Daten des BMI tatsächlich berechnen. Ein leicht Verletzter kostet etwa EUR 4.400,-, ein schwer Verletzter EUR 93.283.- und ein Toter EUR 1.819.006,-. Allein in Tirol ist durch die Unfälle im letzten Jahr ein volkswirtschaftlicher Schaden von fast 61 Millionen Euro entstanden.
Fragen aus dem Publikum
Peter Paal: Wie wird die Karte mit der Ausgesetztheit generiert? Macht das eine KI? Ich könnte mir vorstellen, dass sich die Gegebenheiten in der Realität immer wieder ändern – etwa durch den Klimawandel, durch Vegetation etc. Wer passt das an und hält es aktuell? Und die zweit Frage, gibt es diese Informationen schon in den Karten?
Walter Würtl: Nein, hier ist keine KI, sondern echte Intelligenz im Spiel. Hier wurden nur Neigungsparameter verwendet – das ist ein ganz einfacher Zusammenhang. Je steiler, desto tot und geeicht durch echte Unfälle. Interessanter Weise haben sich die Klassen dann an diesen Neigungsgrenzen hart festmachen lassen. Dieser geometrische Faktor wird sich so schnell nicht ändern.
Bis die Informationen auch in Druckwerken übernommen werden, wird es noch einige Zeit dauern. Digital ist die Ausgesetztheitskarte zumindest schon auf der Welt. Wir würden uns jetzt noch wünschen, dass die Karten mit den Schwierigkeitsbewertungen auch noch auf die Welt kämen, aber das liegt an den Wegehaltern. Aber wir sind zuversichtlich, dass das bald kommen wird, denn die Wegehalter wissen das und die Informationen sind vorhanden. Die großen Plattformen werden das rasch als Mehrwert sehen, weil es eine sehr wertvolle Information ist.
Frage aus dem Publikum: Wo kann ich mich aktuell in der Tourenplanung informieren, ob die Wege blau, rot oder schwarz sind?
Walter Würtl: Leider aktuell gar nicht. Das ist noch Zukunftsmusik und wäre unser großes Anliegen. Noch muss man vor Ort auf die Tafel schauen – zumindest in jenen Ländern, wo die Schwierigkeit auf den Tafeln angegeben wird. Bzw. findet man auf vielen Tourenportalen (nicht ganz sichere) Angaben zur Schwierigkeit in Form der T-Skala, die allerdings nicht die alleinige technische Schwierigkeit darstellt, sondern eine Klassifikation.
Walter Würtl während seines Vortrages im Rahmen des Alpinforums 2025.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
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Eine ausführliche Beschreibung zur Wegeklassifizierung beim Bergwandern, zu den unterschiedlichen Angaben und möglichen Lösungsvorschlägen finden Sie auch im Beitrag „Ein schwieriger Weg“ im analyse:berg, Ausgabe Sommer 2025, oder im Blockbeitrag auf alpinesicherheit.at – für ÖKAS-Mitglieder mit Passwort frei zugänglich.
Links & Publikationen:
- Abo Magazin analyse:berg Winter & Sommer
- Alpin-Fibelreihe des Kuratoriums
- Alpinmesse / Alpinforum 2025
- Kontakt ÖKAS:
Susanna Mitterer, Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit, Olympiastr. 39, 6020 Innsbruck, susanna.mitterer@alpinesicherheit.at, Tel. +43 512 365451-13







