
Furcht und Panik werden im Gehirn sehr unterschiedlich verarbeitet (Furchtsystem vs. Paniksystem). Deswegen unterscheiden sich auch die unterstützenden Maßnahmen in der Begleitung der Betroffenen sehr! Zur grundsätzlichen Vermeidung von Panik wird ein Kommunikationssystem vorgeschlagen und ein psychologischer Erste-Hilfe-Koffer vorgestellt.
Alexis Zajetz ist Psychologe und Sportwissenschafter.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Alexis Zajetz
Psychologe und Sportwissenschafter
Alexis Zajetz, MMag., studierte Psychologie und Sportwissenschaften an der Uni Salzburg (PLUS), ist Instruktor Sportklettern und Klettern Alpin, gründete die Kletterhalle Salzburg und eine Kletterschule, absolvierte die Ausbildung zum Psychotherapeuten und arbeitet neben der eigenen Praxis für Psychotherapie für die Uni Salzburg (Psychologie), beim ÖAV in den Ausbildungsteams „Sportklettern“ und „Führen & Leiten“, bei der BSPA Innsbruck in einigen InstruktorInnen Ausbildungen (psychologischer Teil) und selbständig bei www.therapieklettern.com.
Angst und Panik – zwei verschiedene Systeme
Es gibt nicht nur ein einziges System im Gehirn, das für Angst und Panik zuständig ist, sondern es gibt zwei verschiedene Systeme.
Das Angstsystem ist dafür geschaffen, dass wir kämpfen oder fliehen. Würden wir bei ein wenig Angst bereits erstarren, wären wir ausgestorben. Ab einem gewissen Angstlevel – auf der frei erfundenen Skala – siehe Abbildung – rund um den Wert 50 – schaltet sich ein zweites System dazu – das Paniksystem. Panik kommt immer dann auf, wenn man in einer hilflosen Situation ist. Es kann vorkommen, dass diese beiden Systeme noch eine Zeitlang um die Vorherrschaft kämpfen und dass man es schafft, sich wieder ins aktive Angstsystem zurückzuholen
Von Alexis Zajetz entworfene Skala - irgendwann geht Angst in Panik über;
Folie aus dem Vortrag von Alexis Zajetz im Rahmen des Alpinforums 2025.
Das Angstsystem
Im Angstsystem kann ich mir helfen, ich bin selbstwirksam. Das System ermöglicht zu kämpfen oder zu fliehen, wodurch man besser wird.
Im Angstsystem werden folgende Bereiche aktiviert:
- Puls, Atmung , Muskeltonus und Blutdruck steigen
- Aktivierung des N. Sympathikus
- Stresshormone warden ausgeschüttet:
- Cortisol (15 min)
- Adrenalin (1 sec)
- mehr Zucker und Fettsäuren im Blut
- Bronchien werden weit (schnauf!)
- Man ist aufmerksam, fokussiert!
- Denken und Lernen werden gefördert
- Dopamin wird ausgeschüttet
Das Paniksystem
Im Paniksystem herrscht die Hilflosigkeit vor, man kann weder vor noch zurück. Dieses System „lähmt“ uns, wir sind selbstUNwirksam und benötigen Hilfe von außen.
Im Paniksystem, das eigentlich nur ein sinnloses Überbleibsel der Evolution ist, passiert Folgendes:
Es kommt zum Erstarren! Man gibt auf, die Bronchien werden eng, der N. Parasympathikus wird aktiviert.
Eine Rettung kann in Form von Oxytocin, dem Bindungshormon, erfolgen.
Angst und Panik sind zwei völlig unterschiedliche Dinge;
Folien aus dem Vortrag von Alexis Zajetz im Rahmen des Alpinforums 2025.
Kommunikationssystem
In der Anwendung bei z. B. Kletterkursen kann man sich ein Kommunikationssystem überlegen. Dazu teilt man das Befinden in Kompfortzone (grün), Lernzone (orange) und Panikzone (rot) ein. Damit kann man die Teilnehmer:innen spezifischer nach ihrem aktuellen Befinden befragen – ist es schon ein wenig orange, oder schon sehr orange? Idealerweise kann man damit die Personen abholen, bevor sie von orange in rot und damit in das inaktive Paniksystem übertreten.
Als Kursleiter:in kann man damit viel differenzierter arbeiten, rechtzeitig eingreifen bzw. die Leute auch entsprechend motivieren. Für die Teilnehmer:innen hat es ebenso einen Vorteil, denn sie lernen, dass orange nicht schlimm ist, eigentlich sogar gut, weil das jene Phase ist, in der man kämpft und lernt, wie man eine schwierige Aufgabe bewältigen kann. Damit wird man kompetenter und selbstsicherer – man kann das Gelernte in einer ähnlichen Situation wieder anwenden.
Wenn jemand doch ins Paniksystem rutscht, dann hilft vor allem körperliche Nähe – damit ist gemeint, dass man einfach da ist. Eventuell nimmt man die Person ans kurze Seil oder hält sie direkt am Gurt fest. Im Bergsport ist aber oft genau das nicht möglich. Wichtig ist dann, dass man selber ruhig bleibt, die Person nicht mit schwierigen kognitiven Inhalten überfordert, mit ruhiger Stimme Mut zuspricht, wie etwa „Wir schaffen das, ich bleibe bei dir, wir haben Zeit.“ Zeit sollte man in der Tat mitbringen – 15 Minuten im Minimum. Ziel sollte es sein, die Person wieder langsam aus dem Paniksystem zu lösen, so dass sie sich wieder bewegen kann.
Mit einem entsprechenden Kommunikationssystem kann man als Kursleiter, als Kursleiterin besser mit den Teilnehmer:innen kommunizieren.
Folien aus dem Vortrag von Alexis Zajetz im Rahmen des Alpinforums 2025.
Alexis Zajetz während seines Vortrages im Rahmen des Alpinforums 2025.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
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