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Gerhard Mössmer, Alpinforum 2025. Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com

Die unterschätzten Unfallursachen auf Skitour und Variante

Rund um die Risikominimierung dreht sich im Winter beinahe alles um das Thema Lawine. Trotz der stetig steigenden Anzahl an Tourengeher:innen gibt es bei den Lawinentoten keinen Anstieg, sondern sogar einen Rückgang im 10-Jahre-Mittel. Das ist erfreulich. Weniger erfreulich ist die Tatsache, dass andere Unfallursachen – allen voran der Absturz – wenig bis gar keine Beachtung finden, und das obwohl die Unfalldaten zeigen, dass Absturzunfälle einen substanziellen Anteil der tödlichen Unfälle beim Skitourengehen ausmachen.
Gerhard Mössmer, Alpinforum 2025. Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com

Gerhard Mössmer, Bergführer, Sachverständiger und ÖKAS-Vorstandsmitglied
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com

Gerhard Mössmer
Bergführer, Sachverständiger und ÖKAS-Vorstandsmitglied

Gerhard Mössmer studierte Architektur an der Universität Innsbruck und schrieb seine Diplomarbeit über ein fix installiertes Basislager am Mt. Everest. Während seiner Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Innsbruck absolvierte er die Ausbildung zum Berg- und Skiführer, seit 2012 arbeitet er in der Abteilung Bergsport des ÖAV, wo er u. a. für die SicherAmBerg-Lehrschriften, die Entwicklung der Lehrmeinung sowie die Koordination des Bundeslehrteams des ÖAV zuständig ist. Zudem schreibt er Artikel im Mitgliedermagazin „bergauf“ des ÖAV sowie in diversen Fachmagazin wie „berg&steigen“.

In meinem Vortrag wird es vor allem um Zahlen gehen und ich möchte die Gelegenheit nutzen, mich bei Susanna Mitterer vom ÖKAS für die Auswertung der Unfalldatenbank und im Besonderen auch bei der Alpinpolizei, die diese Daten liefert, bedanken. Ohne diese Daten könnten wir keine Analysen machen und auch keine Empfehlungen und Lehrmeinungen daraus ableiten.

Allgemeines zur Statistik des ÖKAS

In der Statistik sprechen wir von Alpinunfällen gesamt und von Verunfallten. Mit Verunfallten meinen wir alle Unverletzten, Verletzten und Toten, die in einen Unfall verwickelt sind. In der Auswertung unterscheiden wir im Weiteren spezifisch zwischen Unverletzten, Verletzten und Toten.

Als Betrachtungszeitraum dient immer ein Jahr, welches von Anfang November bis Ende Oktober reicht. Da in einem Jahr auch Ausreißer nach oben und unten vorkommen, stellen wir zusätzlich das jeweilige 10-Jahre-Mittel dar, welches in der Aussage eines allgemeinen Trends wesentlich besser ist.

Die Unfälle werden nach Disziplinen ausgewertet, wobei es Sommer- und Winterdisziplinen gibt. Im Winter sind dies vor allem Skitour und Variante sowie Piste/Skiroute, die wir im Auge haben.

Einordnung

Unfälle gesamt

Im 10-Jahre-Mittel werden von der Alpinpolizei in den österreichischen Bergen 8.358 Unfälle aufgenommen – sind also in der ÖKAS-Datenbank. Davon entfallen 41 Prozent auf die Sommerdisziplinen und 53 Prozent auf die Winterdisziplinen, der Rest von 6 Prozent fällt auf Sonstiges, z. B. Forstunfälle, Suizid etc.

Die Lawine macht im 10-Jahre-Mittel nur 1,3 Prozent aller Unfälle aus. Sieht man sich das gesamte Unfallgeschehen an, dann spielt die Lawine also eigentlich eine relativ untergeordnete Rolle.

Tote gesamt

Die Zahl der Alpintoten ist in den letzten 10 Jahren mit 285 Personen pro Jahr relativ konstant geblieben. Im Vergleich zu den Unfallzahlen sieht man hier aber, dass 51 Prozent der Toten auf Sommerdisziplinen zurückzuführen sind und nur 23 Prozent auf Winterdisziplinen. 26 Prozent sind Sonstige. Interessant ist aber, dass 6,6 Prozent davon Lawinentote sind, aber selbst diese sind nicht alle auf klassische Winterdisziplinen wie Skitour oder Variante zurückzuführen. Lawinentote gibt es auch immer wieder beim Wandern, auf Hochtour oder beim Eisklettern.

Folien zu den Unfällen gesamt und Toten gesamt aus dem Vortrag von Gerhard Mössmer im Rahmen des Alpinforums 2025.

Lawinenunfälle

Da Lawinen bei verschiedenen Disziplinen relevant sind, werden sie in der ÖKAS-Statistik separat behandelt, sprich nicht einer einzigen Disziplin zugeordnet. Im 10-Jahre-Mittel gibt es bei Lawinenunfällen 133 Unverletzte, 40 Verletzte und 16 Tote. Im Betrachtungszeitraum 1.11.2023 bis 31.10.2024 gab es mit 19 Toten mehr als im Mittel.

Immer wieder gibt es Lawinenunfälle mit relativ vielen Toten. Das sind Ausreißer nach oben, die die Jahresstatistik entsprechend beeinflussen. Im Mittel gibt es glücklicherweise pro Lawinenunfall aber meist nur ein bis zwei Todesopfer.

Folien zu den Lawinenunfällen aus dem Vortrag von Gerhard Mössmer im Rahmen des Alpinforums 2025.

Alter der Lawinenopfer

Was das Alter der Lawinentoten betrifft, sieht man, dass die Altersgruppe zwischen Anfang 40 und Ende 60 eventuell ein wenig riskanter unterwegs ist. Sieht man sich die Zahl aller Verunfallten an, scheinen aber vor allem die eher jüngeren öfter betroffen zu sein.

Lawinenunfälle nach Lawinenwarnstufe

Das kennen die meisten – es heißt immer, die meisten Unfälle passieren bei Lawinenstufe 3 und das spiegelt sich auch in der Statistik wider: 53 Prozent der Lawinenunfälle passieren bei einem 3er und mit 53 Prozent sind bei einem 3er auch die meisten Toten zu beklagen. In einzelnen Wintersaisonen kann sich das aber auch durchaus verschieben – im Betrachtungszeitrum 1.11.2023 bis 31.10.2024 gab es bei einem 2er mehr Lawinentote als bei Gefahrenstufe 3.

Vortrag Mössmer, Alpinforum 2025, Folie 12

Folie zu den Lawinenunfällen nach Lawinenwarnstufe aus dem Vortrag von Gerhard Mössmer im Rahmen des Alpinforums 2025.

Lawinenunfälle nach Hangneigung und Exposition

Hier gibt es keine Ausreißer. Die meiste Unfälle passieren in einer Hangneigung um 35 Grad, allerdings wird bei der Erhebung der Unfälle die Steilheit im Bereich des Anrisses angegeben. Wir wissen nicht, wo die Lawine ausgelöst worden ist – das könnte nämlich durchaus auch im flacheren Bereich gewesen sein. Das ist eine Unschärfe, mit der wir leben müssen.
In Bezug auf die Exposition gehen die meisten Lawinen in einer Exposition von Nordost bis Ost ab.

Vortrag Mössmer, Alpinforum 2025, Folie 13

Folie zu den Lawinenunfällen nach Hangneigung und Exposition aus dem Vortrag von Gerhard Mössmer im Rahmen des Alpinforums 2025.

Lawinenunfälle bei Variante und Skitour

Der Betrachtungszeitraum 1.11.2023 bis 31.10.2024 war in Bezug auf Lawinen bei Variante und Skitour ein durchaus unfallträchtiger. Die Zahlen liegen fast überall über dem langjährigen Mittel. Bei Varianten gab es 278 Verletzte (im 10-Jahre-Mittel 232) und bei Skitour 473 (im 10-Jahre-Mittel 388). Auch in Bezug auf die Toten sticht dieser Betrachtungszeitraum zumindest bei Skitour deutlich hervor – es gab 28 Tote, 6 mehr als im langjährigen Mittel.
Auffällig oft verunfallten die 20- bis 30-Jährigen.

Vortrag Mössmer, Alpinforum 2025, Folie 16

Folie zu den Verunfallten bei Skitour und Variante aus dem Vortrag von Gerhard Mössmer im Rahmen des Alpinforums 2025.

Andere Unfall- und Todesursachen bei Variante und Skitour

Beim Thema Lawine wird sehr viel Präventionsarbeit geleistet, hier wird aufgeklärt und ausgebildet. Aber es gibt noch andere Unfall- und Todesuraschen im Winter, sowohl bei der Variante als auch beim Skitourengehen.

Immer noch spielt die Lawine sowohl auf Skitour als auch bei Variantenfahrten eine große Rolle. Aber auch die Unfallursachen Absturz und Sturz/Stolpern/Ausgleiten machen bei Variante zusammen ein Drittel aus, aber darüber wird kaum gesprochen. Speziell auf Skitour machen die Toten durch Lawine nur rund die Hälfe aus. Für die andere Hälfte sind die Unfallursachen Herz-Kreislauf-Störung, Sturz/Absturz und Sonstige verantwortlich.

Vortrag Mössmer, Alpinforum 2025, Folie 19

Folie zu anderen Unfallursachen bei Skitour und Variante aus dem Vortrag von Gerhard Mössmer im Rahmen des Alpinforums 2025.

Tipps, um Absturzunfälle zu verhindern

  • Rechtzeitig Umrüsten
    Beispielsweise sollte man die Harscheisen noch im Flachen montieren und nicht erst, wenn man schon mitten im steilen und harten Hang steht. Selbiges gilt für das Umrüsten von Harscheisen zu Steigeisen.
  • Linienwahl bewusst treffen
    Kann man steile Passagen umgehen? Wie sieht es mit Geländefallen darunter aus? Möglicherweise kann man Geländefallen mit einem etwas weiteren Weg umgehen.
  • Gruppendruck widerstehen
    Wer selber eine Gruppe leitet, sollte niemals die Frage stellen, wer Harscheisen montieren möchte. Man sollte klar sagen, dass jetzt alle die Harscheisen anlegen.

⇒ In exponiertem Gelände hat ein Absturz immer ernste Konsequenzen.

⇒ Können, Verhältnisse und Gelände müssen zusammenpassen.

⇒ Kenne dein Material und seine Grenzen.

⇒ Alleingänge überdenken, und wenn alleine, dann nur mit vollständiger Notfallausrüstung.

Gerhard Mössmer, Alpinforum 2025. Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com

Gerhard Mössmer in einem gut gefüllten Forum.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com

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