
Der Versuch einer empirischen Bestandsaufnahme
Keiner von uns steigt auf die Berge, nur „weil sie da sind“ (George Mallory). Der Sog der Masse Richtung „Abenteuer“. Bergsteigen, ein Tun zwischen kreativer Genialität, Kitsch und Konsum.
Hanspeter Eisendle ist Berg- und Skiführer.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Hanspeter Eisendle
Berg- und Skiführer
Hanspeter Eisendle absolvierte eine Ausbildung in der Kunstschule St.Ulrich/Gröden zum „Meister der angewandten Kunst“ / Kunsterzieher und war zwei Jahre im Schuldienst, tätig, bevor er zwischen 1980 und 1982 die Ausbildung zum Berg- und Skiführer machte. Seither ist er hauptberuflicher Bergführer, aber vor allem auch Bergsteiger.
Alles Großartige der Menschheitsgeschichte, die Meisterwerke, sind immer dazu verdammt, von Kitsch und Kommerz ausgesaugt zu werden.
Das ist – ähnlich einem Naturgesetz – der Geschäftigkeit von uns Menschen geschuldet.
Besuchen Sie irgend ein Weltkulturerbe und Sie wissen, was ich meine. In Teilen des Weltnaturerbes Dolomiten gibt es immer mehr von allem und immer weniger Natur.
Das Meisterwerk von Johann Strauß, der Donauwalzer, wird bei Landeanflügen diverser Fluggesellschaften einer Art „Verohrwurmung“ preisgegeben und die Genialität Mozarts wird in pick-süße Kugeln gepresst.
Warum sollte es sich also mit den Meisterwerken der Bergsteigergeschichte anders verhalten? Die einen knacken sich vom Matterhorn eine Ecke ab und die anderen folgen Xenon, dem Gott der Edelgase, bis zur Mutter des Universums – Qomolagma, Sagarmatha oder kolonial vermännlicht Mount Everest.
Die angesagtesten Kletterrouten aller Generationen werden so lange wiederholt, bis jede Sanduhr gefädelt zurück bleibt, bis jeder Riss und jedes Felsloch mit Mauerhaken eingenagelt sind, vom alpenweiten Sanierungswahn an traditionellen Routen ganz zu schweigen. Den Fisch an der Marmolada Südwand oder die Bonatti am Gran Capucin muss man schließlich gemacht haben. Die Pelmo Nordwand oder die Goldkappl Südwand nicht.
Das ist weniger eine Kritik an irgend jemandem, als vielmehr eine nüchterne Bestandsaufnahme. Zu dieser Bestandsaufnahme gehört aber auch, dass ein nicht geringer, weitaus unauffälligerer Teil der Bergsteigergemeinschaft ganz andere Intensitäten sucht. Sie sind die Sammler exklusiver Lebensgefühle, die nur dort zu haben sind, wo alle Sicherheiten weniger werden und wo Ungewissheit und sonstige Unannehmlichkeiten zunehmen.
Unter diesen Abenteurern wird es wieder ganz wenige geben, die neue Meisterwerke schaffen und neue Meilensteine setzen, die in der Folge Begehrlichkeiten wecken. Und so werden Meisterwerke schrittweise wieder zu alpinistischen Mozartkugeln und zu beruhigenden Tönen bei der Landung auf dem Gipfel.
Moralistisch verkürzt könnte man sagen, die einen steigen auf Berge, um gesehen zu werden und die anderen, um zu sehen.
Aber wir sind leider keine Westernhelden, bei denen es meist eindeutig die Guten und die Bösen gibt. Wir sind viel komplexer!
Es gibt nur zwei Dinge, die uns von allen anderen Lebewesen grundlegend unterscheiden. Das eine ist die Fähigkeit zur weltweiten Vernetzung in Echtzeit und das andere ist die Fähigkeit widersprüchlich zu leben. Wir denken und sagen das eine und tun dann oft etwas anderes.
Diese Widersprüchlichkeit wird weiterhin Meisterwerke auf ein allgemein gebrauchsfertiges Mittelmaß zurechtstutzen. Diese Widersprüchlichkeit ist sogar die Grundlage der meisten Geschäftsmodelle rund um das Bergsteigen. Urbanes Rechnen trifft auf unberechenbare Natur!
Eigentlich wollte ich ans Ende meiner kurzen Betrachtung den Titel eines autobiografischen Romans von Joachim Meyerhoff setzen: „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war.“
Aber es erscheint mir zu pessimistisch, zu altersgriesgrämig. Es gab nämlich in meinem Leben seit jeher ein ganz einfaches Mittel gegen den größten Unfug: Mich zu entziehen!
Im Gebirge reicht es dafür, dorthin zu gehen, wo die allermeisten nicht sind und wo das Unbekannte größer ist, als das Bekannte.
Meist erleben wir das Unentdeckte in uns selbst am besten dort, wo vieles um uns herum unbekannt ist.
Das kann vorübergehend sehr unangenehm sein, aber nachher sind wir Bergsteiger fast immer nicht mehr ganz so, wie wir waren.
Hanspeter Eisendle während seines Vortrages im Rahmen des Alpinforums 2025.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
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