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Katharina Hüfner, Alpinforum 2025. Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Sport ist gesund und schützt vor vielen psychischen und körperlichen Erkrankungen. Sport und Bewegung helfen auch in der Behandlung von Erkrankungen wie Angststörungen und Depression. Wenn die Bewegung draußen durchgeführt wird, kommt der positive Effekt von Natur auf die psychische Gesundheit hinzu. Aber kann man auch zu viel Sport machen? Woran erkennt man Suchtverhalten im Sport? Und wie steht dies in Zusammenhang mit Essstörungen?
Katharina Hüfner, Alpinforum 2025. Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com

Katharina Hüfner ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und Fachärztin für Neurologie.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com

Katharina Hüfner
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin und Fachärztin für Neurologie

Katharina Hüfner, Univ.-Prof. Dr., ist seit Oktober 2024 Direktorin der Univ.-Klinik für Psychiatrie II an der Medizinischen Universität Innsbruck. Sie hat in Freiburg i. Br.,München, London und New York Humanmedizin studiert und an der Ludwig-Maximilians-Universität in München ihren Facharzt für Neurologie und ihre Habilitation mit Schwerpunkt auf Schwindel und Okulomotorikstörungen abgeschlossen. 2013 wechselte sie nach Innsbruck an das Department für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik und Medizinische Psychologie. 2023 wurde sie zur Professorin für Sportpsychiatrie berufen. Ihr klinischer Schwerpunkt liegt auf Psychosomatischer Medizin. Im Fokus ihres wissenschaftlichen Interesses stehen der Einfluss von körperlicher Aktivität und alpiner Umgebung auf die psychische Gesundheit, insbesondere auch therapeutisches Klettern, und die Effekte von Höhenexposition und kontrollierter Hypoxie auf psychiatrische Symptome und Erkrankungen.

Die Sportpsychiatrie

Wenn man hier in Innsbruck ist, erfährt man schnell, dass der alpine und der urbane Raum sehr nahe beieinander liegen. Ich bin selbst Bergsportlerin und sehr viel am Berg – vor allem mit den Skiern – unterwegs. Beim Thema Bergsport und Gesundheit verbinde ich tatsächlich wissenschaftliches Interesse mit persönlicher Leidenschaft.

Ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist die Sportpsychiatrie. Diese beschäftigt sich zum einen mit der körperlichen Aktivität in der Prävention und Behandlung psychischer Erkrankungen (im Besonderen mit Natur, Bergsport, Hypoxie und Höhe) und zum anderen mit der psychischen Gesundheit im Leistungssport. Aus Studien weiß man, dass Leistungssportler:innen – auch im Bergsport – gleich häufig oder häufiger psychische Erkrankungen aufweisen als die Allgemeinbevölkerung.

Eine psychische Erkrankung steht allerdings in keinerlei Gegensatz zu ausgesprochener mentaler Stärke.

Psychische Erkrankungen betreffen ca. jeden fünften Menschen und manifestieren sich häufig bis zum 24. Lebensjahr. Angststörungen und Depressionen treten am häufigsten auf und verursachen lange Krankenstände (Ø 42 Tage, nur Krebserkrankungen weisen längere Krankenstände auf). Sie machen 42 Prozent der Erwerbsunfähigkeiten aus. Erwerbsunfähigkeiten wirken sich vor allem bei jungen Menschen finanziell und auch gesellschaftlich sehr negativ aus.

Effekte von körperlicher Aktivität auf psychische Gesundheit

Die WHO empfiehlt 150 bis 300 Minuten moderate körperliche Aktivität pro Woche. Für diese Spanne gibt es gute Studiengrundlagen, die besagen, dass damit das Auftreten von Angst und Depression vermindert bzw. auch behandelt werden kann. Bei moderaten Angststörungen und Depressionen ist der Effekt von körperlicher Aktivität etwa gleich gut wie ein Medikament. Außerdem wird mit körperlicher Aktivität nachweislich das Auftreten von Demenz verhindert und bei Menschen, die bereits kognitive Defizite haben, können sich die Beschwerden bessern.
Normalerweise sage ich, der Bereich von keiner Bewegung zu etwas Bewegung ist der wichtigste Schritt. Uns interessiert heute aber der obere Bereich der Kurve, also Personen die weit mehr als 300 Minuten pro Woche körperliche Aktivität betreiben und wie sich dies auf die Gesundheit auswirkt. Dieses obere Ende der Skala an körperlicher Aktivität wird von der WHO praktisch nicht beschrieben. Es wird nicht wirklich im Detail festgehalten was passiert, wenn man über das empfohlene Maß an Bewegung hinausgeht.

Vortrag Hüfner, Alpinforum 2025, Folie 6

Grafik zur von der WHO empfohlenen Sportdosis in der Woche;
Folie aus dem Vortrag von Katharina Hüfner im Rahmen des Alpinforums 2025.

Merkmale von stoffungebundenen Suchterkrankungen in Bezug auf Sportverhalten

Prinzipiell kann man auch zu viel Bewegung machen, was aber nicht primär mit den Minuten an Bewegung in Zusammenhang steht. Der Zusammenhang liegt darin, ob man in Bezug auf sein Bewegungsverhalten mehrere Kriterien von stoffungebundenen Suchterkrankungen wie z. B.

  • Entzugssymptome
  • Toleranzentwicklung
  • Kontrollverlust
  • Verringern anderer Aktivitäten, Konflikte in Bezug auf Verhalten
  • Fortsetzung trotz negativer gesundheitlicher Folgen
  • Verharmlosung (z. B. Lügen) in Bezug auf das Verhalten

aufweist. Ca. 3 Prozent  (-10 %, je nach Studien) der sportelnden Bevölkerung erfüllen die Kriterien für „Suchtverhalten“ – es ist also jedenfalls ein Randproblem, vor allem im Vergleich zum massiven Problem der Inaktivität, also von zu wenig Bewegung. Zwanghaftes oder exzessives Bewegungsverhalten kann aber auch ein Kriterium bei Essstörungen oder von RED-S (Englisch: relative energy deficiency in sports) sein.

Uns hat nun interessiert, ob sich Kriterien für stoffungebundene Süchte auch beim Bergsport in relevantem Ausmaß nachweisen lassen und ob es eine Assoziation mit psychischen Erkrankungen gibt. Immerhin werden beim Bergsport – wie etwa auch beim Glücksspiel – Glückshormone ausgeschüttet, wenn man ein Ziel, auf das man sich vielleicht auch lange vorbereitet hat, erreicht. Danach kann man u. U. süchtig werden.

Beim Wort „Bergsucht“ muss man allerdings zwischen dem umgangssprachlich verwendeten und dem medizinischen Begriff unterscheiden. Denn während damit auch ausgedrückt wird, dass man Berge liebt, ist „Sucht“ im medizinischen Kontext niemals etwas Positives, sondern eine Erkrankung.

 „Bergsucht“ und psychische Erkrankungen

Gemeinsam mit Leonie Habelt, die in meiner Arbeitsgruppe ihre Doktorarbeit verfasst hat, haben wir eine Studie zu Suchtaspekten beim Bergsport durchgeführt (Why do we climb mountains? An exploration of features of behavioural addiction in mountaineering and the association with stress-related psychiatric disorders).

Dabei haben wir nur Personen untersucht, die mehrmals pro Woche Bergsport betreiben und viele, viele Höhenmeter pro Woche zurücklegen. Wir haben gesehen, es gibt Personen, die die definierten Suchtkriterien aufweisen und Personen, die diese nicht aufweisen. Wir waren selber erstaunt, wie klar das Ergebnis ist. Jene Personen, die Suchtkriterien aufweisen, zeigen auch ein deutlich erhöhtes Risiko für Angst und Depression. Auch fühlen sich diese Personen mental deutlich gestresster und sie weisen häufiger Zeichen von Essstörungen auf.

Studie zu den Suchtaspekten beim Bergsport;
Folien aus dem Vortrag von Katharina Hüfner im Rahmen des Alpinforums 2025.

Wo hört der Spaß auf?

Ich denke, wir sind uns einig, dass der Spaß dann aufhört, wenn zwanghaftes Bewegungsverhalten und Essstörung zusammen kommen und zu gesundheitlichen Problemen führen. Das wichtigste diagnostische Kriterien der Anorexia nervosa (Magersucht) ist vor allem der starke Gewichtsverlust mit einem BMI von unter 18,5 kg/m2, bei Jugendlichen auch eine geringe Gewichtszunahme. Dabei wird der Gewichtsverlust anders als etwa bei einer Tumorerkrankung durch Vermeidung von energiereicher Nahrung selbst herbeigeführt. Manchmal nutzen diese Personen auch andere Möglichkeiten, um das Gewicht niedrig zu halten. Dazu gehören selbstinduziertes Erbrechen, selbstinduziertes Abführen, die zwanghafte körperliche Aktivität oder auch der Gebrauch von Appetitzüglern und/oder Diuretika (Entwässerungsmitteln). Charakteristisch für die Anorexia nervosa ist die Körperschemastörung, bei der das Gehirn die Reize beim Betrachten des eigenen Spiegelbildes nicht so verarbeitet, wie es das sollte. Diese Personen nehmen sich eher mollig oder sogar dick wahr, obwohl sie objektiv untergewichtig sind. Die Definition des eigenen Selbstwertes hängt unmittelbar mit dem Körpergewicht zusammen. Das Resultat des Untergewichts sind verschiedenste körperliche Symptome – bei Frauen ist das Ausbleiben der Periode typisch.

Zurück zum Bergsport: Unsere Studie hat zusätzlich gezeigt, dass die Gruppe der Personen mit erhöhten Suchtcharakteristika in Bezug auf Bergsport auch erhöhte Werte in Bezug auf die Risikobereitschaft hat, d. h. dass diese Personen öfter bewusst die Gefahr suchen, trotzdem aber Vorkehrungen für ihre Sicherheit treffen, wie etwa die Überprüfung des Materials oder das Checken des Wetters.

Diese Studie hat viel mediales Interesse hervorgerufen. Allerdings ist das für Wissenschafter:innen immer ein zweischneidiges Schwert: Einerseits freut man sich, dass Forschungsergebnisse an die Öffentlichkeit gelangen und so vielleicht auch die Gesundheit einer breiten Bevölkerungsschicht positiv beeinflussen können. Andererseits hat man immer die Sorge, dass es in den Medien zu einer Missinterpretation oder zu einer Vereinfachung der Ergebnisse kommt, die dem, was man eigentlich erforscht hat, nicht mehr gerecht wird. In unserem Fall haben viele Tageszeitungen das Thema aufgegriffen, unter anderem der Standard. Die Kommentare der Leser:innen unter dem Artikel zeigten, dass viele das Problem gut erkannt haben und dass es offenbar in der Bevölkerung nicht irrelevant ist.

Merkmale von Verhaltenssucht beim Bergsport – Zusammenfassung

  • Es gibt eine Personengruppe, die Kriterien für stoffungebundene Süchte in Bezug auf Bergsport aufweist.
  • Bei diesen Personen zeigt sich eine Assoziation mit Symptomen von Angst und Depression sowie anderen Suchterkrankungen.
  • Zwanghaftes Bewegungsverhalten ist ein diagnostisches Merkmal der Anorexia nervosa.
  • Erhöhte Risikobereitschaft bei diesen Personen könnte potenziell eine Quelle von Unfällen sein.
Katharina Hüfner, Alpinforum 2025. Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com

Katharina Hüfner während ihres Vortrages im Rahmen des Alpinforums 2025.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com

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