
Was ist schon „normal“ am Berg?
Am Podium: Hanspeter Eisendle, Katharina Hüfner, Alexis Zajetz und Richard Obendorfer
Zur Person Richard Oberndorfer:
Fünf Jahre in Folge hat Richard Obendorfer, Dipl.-Ing., (geboren 1966 in Amberg/Bayern, Bauingenieur bei der Tiwag, Abt. Wasserkraftplanung) jeweils über eine Million Höhenmeter gemacht – hauptsächlich mit dem Rad und auf Tourenski.
Moderator Robert Wallner, Alpinforum 2025
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Moderation: Robert Wallner
Robert Wallner: Richard, wie geht sich das überhaupt aus? Wie kannst du neben Beruf und Familie pro Tag im Schnitt 3.200 Höhenmeter machen? Wie geht es dir damit?
Richard Obendorfer: Es ist eigentlich schon recht mutig von mir, dass ich mich dieser Diskussion hier als „Junkie“ stelle, aber ich fühle mich selbst überhaupt nicht als Süchtiger. Es sind keine 3.200 Höhenmeter am Tag, sondern im Schnitt braucht es für die 1 Million „nur“ täglich 2.760 Höhenmeter. Ich mache pro Tag fünf bis sechs Stunden Sport. Im Winter ein bisschen weniger. Ich vergleiche das mit den Menschen in der Steinzeit, die fast den ganzen Tag unterwegs waren. Seit es Autos und den ganzen Komfort gibt, bewegen sich die Menschen kaum mehr. Für viele ist der Gang in die Tiefgarage die größte körperliche Betätigung am Tag. Es ist kein Wunder, dass so viele Menschen mit körperlichen (und psychischen) Problemen und auch Übergewicht zu kämpfen haben.
Bei mir hat sich das über die Zeit entwickelt. Heuer ist das fünfte Jahr in Folge, in dem ich auf eine Million Höhenmeter komme – aktuell stehe ich bei 995.000 Höhenmeter (Stand 22.11.2025). Ab nächstem Jahr möchte ich es etwas ruhiger angehen lassen – das habe ich zwar jedes Jahr gesagt, aber ich denke, nächstes Jahr mache ich wirklich etwas weniger. Es ist aber auch gut, wenn man etwas mit viel Elan gemacht hat, dann kann man wieder etwas Neues beginnen.
Ich bin Frühaufsteher und gehe auch sehr früh ins Bett. Die meisten Höhenmeter lege ich – vor allem im Sommer – mit dem Rad zurück. D. h. um halb fünf verlasse ich im Sommer das Haus und fahre über viele Berganstiege in die Arbeit – das sind meist 4 bis 4,5 Stunden. Auf der Heimfahrt von der Arbeit „streue“ ich dann eben einfach noch einmal einen Berg ein. Ich feiere zwar keine großen Erfolge, aber ich komme immer als zufriedener Mensch nach Hause. Ich habe Hunger und freue mich dann auf mein zuvor schon vorbereitetes Müsli. Ich denke, täglich aufzubrechen, was zu tun, macht das Leben aus. Das gleiche mache ich auch im Beruf – ich arbeite sehr viel und die Arbeit macht mir großen Spaß. Der Sport ist für mich die Arbeit und die Arbeit ist für mich das Vergnügen. Ich glaube, wenn sich jemand für Sport nicht aufraffen kann, kann er sich auch in der Arbeit und im geistigen Bereich nicht besonders aufraffen. Viele Menschen könnten viel mehr, machen aber zu wenig aus sich.
„Ich feiere zwar keine großen Erfolge, aber ich komme immer als zufriedener Mensch nach Hause.“
Richard Obendorfer
Robert Wallner: Katharina, du hast gesagt, Bergsportler haben das gleich hohe Risiko an psychischen Erkrankungen zu erkranken, wie andere Personen. Wie ist es, wenn man so viel Sport wie Richard macht und plötzlich aus irgendeinem Grund aufhören muss? Ist Richard besonders gefährdet?
Katharina Hüfner: Was Richard angeht, ist das schwer zu sagen, weil wir uns nicht gut kennen. Wenn man es medizinisch betrachtet und eine Person Kriterien für eine Suchterkrankung aufweist, dann ist Aufhören sicherlich sehr schwer. Für solche Personen besteht auch oft die Gefahr, dass sie sich von einer Sucht in eine andere begeben. Aber wie zuvor im Vortrag erwähnt, an der reinen Menge an Höhenmetern oder sportlicher Aktivität kann man die Suchterkrankung nicht festmachen.
„An der reinen Menge an Höhenmetern oder sportlicher Aktivität kann man die Suchtaspekte beim Sport nicht festmachen.“
Katharina Hüfner
Alexis Zajetz: Ein unerwarteter Ausfall wäre für dich, Richard, vielleicht so etwas wie ein Resilienztest. Wie gehe ich damit um, wenn etwas passiert, das mich aus der Bahn wirft? Typischerweise gibt es Menschen, die resilienter sind und sich etwas anderes suchen, das umdeuten, es akzeptieren etc. Richard würde ich am Handrad oder am Klavierspielen sehen. Interessant wäre auch die Familiengeschichte zu kennen – das Psychogramm praktisch. Waren vielleicht auch schon die letzten drei Generationen vor ihm sehr sportlich und hat sich in seinem Hirn eingebrannt, dass er nur etwas wert ist, wenn er sehr viel Bergsport macht? Das wäre schlecht.
„Ein unerwarteter Ausfall wäre für dich, Richard, vielleicht so etwas wie ein Resilienztest“Alexis Zajetz
Podiumsrunde zu Block 2 im Rahmen des Alpinforums 2025;
Fotos: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Robert Wallner: Richard, bist du auch einmal krank?
Richard Obendorfer: Nein, Krankheitstage kann ich mir nicht viele erlauben. Ich bin in der Tat nie krank, was auch ein Indiz dafür ist, dass das was ich mache, eher gesund ist.
Robert Wallner: Hanspeter, wir haben zuvor über Angst und Panik gesprochen. Das hast du sicher auch erlebt und die Frage ist, wie geht man damit um? Und wie gehst du persönlich mit dem Älterwerden um? Ich nehme an, du wirst heute nicht mehr so schwere Routen klettern wie noch mit 30.
Hanspeter Eisendle: Ich fange mit der zweiten Frage an: Man lebt das Leben in verschiedenen Epochen und man versucht immer, den persönlichen Anschlag zu finden. Ich hatte das Glück, dass ich diesen eigentlich immer gefunden und ausgelebt habe. Denke ich heute an die Routen, die ich damals geklettert bin, dann werde ich nicht nostalgisch, weil ich das heute nicht mehr kann, sondern mir graut vor diesen. Heute muss ich sehen, wo morgen mein Anschlag, meine Grenze ist. Ich versuche das Leben nicht auf einer Schiene zu verbringen, sondern auf einem Band. Auf diesem „wantelt“ es mich ständig vom linken zum rechten Rand – das ist für mich Lebensqualität.
Bezüglich Angst und Panik ist für mich der interessanteste Aspekt, dass bevor man in die Panik gerät, man in der Angst so lebt, dass man abstumpft, d. h. die bedrohliche Situation wird so normal, dass man nur noch normal Angst hat. Man gerät also gar nicht in Panik. Verbringt man Stunden in Angst, dann wird Angst normal. In meinem Leben gab es einzelne Momente, wo dieser Ansatz von Panik aufkam. Hier spürte ich dann aber diese Kraft, die in uns ist und uns zwingt zu überleben. Wir sind unfähig zu verharren und zu sterben. Selbst wenn es ausweglos scheint, wird man in eine neue Dimension katapultiert, in der Dinge passieren, von denen man vorher keine Ahnung hatte. Der Überlebensinstinkt ist die vielleicht größte Kraft in uns.
„Der Überlebensinstinkt ist die vielleicht größte Kraft in uns.“
Hanspeter Eisendle
Katharina Hüfner: Ich denke, in vielen Sportarten, vor allem aber auch bei technisch anspruchsvollen Bergsportarten, spielt die mentale Vorbereitung eine große Rolle. Mentale Vorbereitung kann eben auch das Durchspielen von schwierigen Situation sein, das Erlernen von Methoden zur Selbst-Beruhigung, z. B. Atem- oder Meditationsübungen. Solche Techniken können helfen, sich in schwierigen Situationen aus der Angst zu holen. Hat man das ein paar Mal mit Erfolg gemacht, wird man darin immer besser.
Das Podium diskutierte zum Thema „Was ist schon 'normal' am Berg? Von l. nach r.: Alexis Zajetz, Katharina Hüfner, Hanspeter Eisendle, Richard Obendorfer und Moderator Robert Wallner.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
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