
Geodaten für Sicherheit am Berg
DIGIWAY verfolgt das Ziel, verlässliche Geodaten aus der Euregio zu bündeln und öffentlich zugänglich zu machen, beispielsweise auch für gängige Tourenportale, deren Daten aktuell von nutzergenerierten Inhalten oder der OpenStreetMap stammen und nicht immer verlässlich sind. Darüber hinaus hat DIGIWAY eine Vergleichbarkeit zwischen einer Auswahl von unterschiedlichen Klassifikationssystemen von Wander- und Bergwegen in den Alpenländern und sogar innerhalb Österreichs erarbeitet.
Klaus Pietersteiner, Amt der Tiroler Landesregierung, Abt. Waldschutz
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Klaus Pietersteiner
Amt der Tiroler Landesregierung, Abt. Waldschutz, studierte Geologie an der Universität Innsbruck und ist aktives Mitglied der Bergrettung Axams. Zusätzlich absolvierte er die Ausbildung zum staatlich geprüften Berg- und Skiführer. Seit 2019 ist er im Amt der Tiroler Landesregierung, Abteilung Waldschutz, tätig. Dort leitet er den Fachbereich Landschaftsdienst sowie das Landesprogramm „Bergwelt Tirol – Miteinander Erleben“, das sich mit der nachhaltigen Besucherlenkung und der Förderung eines respektvollen Miteinanders im Naturraum befasst.
Lucia Felbauer, Amt der Tiroler Landesregierung, Abt. Forstorganisation
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Lucia Felbauer
Amt der Tiroler Landesregierung, Abt. Forstorganisation, studierte Geographie in Wien mit einem Schwerpunkt auf Gletschermonitoring mittels Fernerkundungsmethoden. Nach mehreren Praktika im Bereich Klimamonitoring in Wien und Innsbruck war sie drei Jahre beim Fernerkundungsunternehmen ENVEO tätig, wo sie vor allem am saisonalen Schneedeckenmonitoring arbeitete. Seit Mai 2024 koordiniert sie das grenzüberschreitende Projekt DIGIWAY in der Euregio (Tirol, Südtirol, Trentino).
Christoph Kovacs, Amt der Tiroler Landesregierung, Abt. Forstorganisation
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Christoph Kovacs
Amt der Tiroler Landesregierung, Abt. Forstorganisation, studierte Geographie in Innsbruck. Er ist seit 1991 bei der Forstdirektion beschäftigt und mit Aufbau und Leitung der GIS/tiris-Station beauftragt. Projekte und Modelle wie das „Mountainbikemodell Tirol“ oder „Bergwelt Tirol – Miteinander Erleben“ werden dort GIS-technisch betreut. Seit gut zwei Jahren arbeitet Christoph K. am Interreg Projekt DIGIWAY mit.
Die Hintergründe von DIGIWAY
Klaus Pietersteiner
In der Abt. Waldschutz bin ich für das Programm „Bergwelt Tirol – Miteinander Erleben“ zuständig, das sich intensiv mit Besucherlenkung bei Natursportarten beschäftigt. Im Bereich Mountainbiken stellen wir schon heute qualitativ hochwertige Daten zur Verfügung. Ausgerechnet aber beim Thema Bergwandern sind wir noch nicht so gut aufgestellt, weil es keine Webservices gibt, die qualitätsgeprüfte Daten liefern.
Ich selbst bin bei der Bergrettung und wundere mich bei Einsätzen immer wieder, wie Leute auf die Idee kommen, Wege zu gehen, die ich selbst als Einheimischer nicht kenne. Die Antwort liegt oft darin, dass sie die Tour z. B. über TikTok oder Ähnliches geplant haben.
Dabei sind die Daten grundsätzlich in guter Qualität vorhanden. Die meisten Wegehalter haben hochqualitative Daten über ihr Wegenetz, manchmal allerdings sind diese Daten in regelrechten Datensilos versteckt. Ziel unseres Projektes war es deshalb, diese Datensilos abzugreifen und in einer harmonisierten Art und Weise tagesaktuell in einem Datensatz anzubieten. Sprich, einen verlässlichen Datensatz zu schaffen.
Als Krux hat sich sehr schnell die Harmonisierung herausgestellt, im Besonderen bei sicherheitsrelevanten Themen wie der Schwierigkeitsbewertung. Rasch kristallisierte sich heraus, das DIGIWAY weit mehr sein wird als ein reines Datenprojekt, sondern dass es auch eine sehr starke Komponente haben wird, die man unter dem Sammelbegriff „Geodaten für Sicherheit am Berg“ zusammenfassen kann.
Federführend wurde das Projekt vom Land Tirol geführt. Christoph Höbenreich, Abteilung Sport sagt dazu:
„Das Land Tirol hat schon früh, nämlich vor über 40 Jahren, weitsichtig die Notwendigkeit erkannt, nicht nur Kletterrouten, sondern auch Bergwege nach ihrer Schwierigkeit zu unterscheiden und einzuteilen. Heute bin ich in der Sportabteilung des Landes für dieses Tiroler Wander- und Bergwegekonzept zuständig. Als ich dann in die DIGIWAY-Arbeitsgruppe eingeladen wurde, war ich – aus der Old Generation und als analog Planender – anfangs sehr skeptisch, welches digitale Spielzeug nun wieder auf uns zukommt. Doch so kritisch ich anfangs war, so begeistert bin ich nun. Die im Zuge des Projektes entstandene „Ausgesetztheitskarte“ ist nicht nur ein wertvolles Werkzeug sondern ein absoluter Meilenstein in der Tourenplanung von Bergwanderungen. Ich möchte daher den Kollegen im Amt Klaus Pietersteiner für seine Initiative danken und dafür, dass er das Projekt auf die Beine gestellt hat, Lucia Felbauer für ihren Lead der Arbeitsgruppe und Christoph Kovacs als Mastermind für das geniale GIS-Modell sowie den externen Experten Walter Würtl und Peter Plattner von der Firma LOLA für ihre Expertise und die Zusammenarbeit danken. Ich möchte alle Zuschauer gerne einladen, sich die Ausgesetztheitskarte auf das Handy zu laden, damit zu spielen und sich die Touren vorab anzuschauen und zu planen. Und wenn die Karte hilft, nur einen schweren oder tödlichen Unfall zu vermeiden, hat sie ihren Zweck schon erfüllt.“
Ein solches Projekt kostet viel Geld. In diesem Fall handelt es sich um ein Interreg-Projekt, der Leadpartner ist die Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino – die Euregio.
Weil erstmals ein gutes Budget zur Verfügung stand, konnten wir sehr viel Grundlagenforschung betreiben. Das Thema Schwierigkeitsbewertungen wird im Anschluss Walter Würtl präsentieren. Wir wollen hier aber die Zeit nutzen, jenes Produkt vorzustellen, dass für die breite Masse vermutlich den meisten Nutzen haben wird und auch für weitere Stakeholder wie die alpinen Vereine, die Wegehalter, die Bergrettung oder auch für uns von der Verwaltung, die wir die Instandsetzung von Wanderwegen fördern, von Bedeutung sein wird.
Folien zu den Partnern des Projektes DIGIWAY aus dem Vortrag von Klaus Pietersteiner im Rahmen des Alpinforums 2025.
Die Ausgesetztheitskarte
Christoph Kovacs
Wir alle bewegen uns gerne in der Natur, vor allem im Sommer sind sehr viele Menschen am Berg unterwegs. Bergunfälle zeigen aber, dass es gerade beim Wandern schnell gefährlich werden kann – Susanna Mitterer hat die Unfallstatistik Wandern bereits erläutert.
Bewegt man sich entlang eines Bergweges, kommt man immer wieder an steilere, abschüssige Stellen, wo man besser nicht stolpern oder ausrutschen sollte. Selbst wenn man eine gute Tourenplanung macht, sieht man oft nicht genau, wo diese Stellen liegen und wie abschüssig sie wirklich sind. Die Frage war nun also, ob man diese schwierigen Stellen auf einer Karte darstellen kann. Als Grundlage diente ein GIS (geographisches Informationssystem), ein genaues, digitales Geländemodell, und exakte Bergwegedaten, die miteinander abgestimmt wurden.
Das Ergebnis sollte eine anschauliche Karte werden, in der ausgesetzte Abschnitte in Ampelfarben dargestellt werden – sprich die Ausgesetztheit von gering bis sehr hoch.
Folie zur Ausgesetztheitskarte aus dem Vortrag von Christoph Kovacs im Rahmen des Alpinforums 2025.
Wie kommen Interessierte an diese Informationen, wie können Verlage und Freizeitportale diese Karten nutzen?
Das Land Tirol und DIGIWAY sind bemüht, diese Karten und Daten online zur Verfügung zu stellen – das Schlagwort hierbei lautet „OGD“ – Open Government Data. Wir sind verpflichtet, diese Daten der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. URLs und Links sind in Ausarbeitung.
Projektentwicklung
Lucia Felbauer
Ein wesentlicher Baustein des Projektes ist die Stakeholderbeteiligung. Wir haben uns bewusst für diesen recht langen Prozess entschieden, mit vielen unterschiedlichen Personen von alpinen Vereinen und weiteren Experten zu sprechen, Feedback einzuholen, im Gelände zu evaluieren – vor allem in Bezug auf die Ausgesetztheitskarte –, immer wieder Anpassungen durchzuführen, über Farben und Bezeichnungen zu diskutieren. Das alles wurde nicht nur in Tirol, sondern – weil es ein Euregio-Projekt ist – auch in Südtirol und im Trentino gemacht.
Entwicklung der Ausgesetztheitskarte
Der Ausgesetztheitskarte liegen ein hochgenaues Geländemodell (DGM) und die Wege-Geometrien als Linien (Vektor) zu Grunde. Es wurden 4 Neigungsklassen in einem ca. 5 und 15 m Korridor unterhalb des Weges basierend auf der Unfallstatistik des ÖKAS gebildet:
- ≤ 25 – < 30°
- ≥ 30 – < 35°
- ≥ 35 – < 40°
- ≥ 40°
Entlang des Weges bis zum Korridorrand wurden die Pixelwerte aufsummiert und der unterste Pixelwert wurde wieder zurück nach oben geführt, so dass die ganze Fläche der Klasse zugeordnet werden konnte.
Als Ergebnis zeigen sich zwei Informationen in einer Karte: Die allgemeine Ausgesetztheit von gering (grün) bis sehr hoch (rot) und die potentiellen unmittelbaren Absturzbereiche, die in pink dargestellt werden und praktisch einer 5. Klasse entsprechen. Weil das ganze GIS-basiert ist und automatisch berechnet werden kann, liegt diese Karte bereits flächendeckend für Tirol, Südtirol und das Trentino vor. Es fand eine Evaluierung im Gelände statt und die Karte wurde mit wichtigen Stakeholdern besprochen.
Die Legende zur Karte
Um eine bessere Orientierung und Vorstellung zu ermöglichen, wurde die Legende sehr ausführlich gestaltet. Sie dient als Entscheidungshilfe – soll aber keinesfalls das eigenständige Entscheiden draußen vor Ort ersetzen. Auch individuelle Dispositionen können von einem solchen Modell nicht abgedeckt werden.
- Bei der Ausgesetztheit gering, als grün dargestellt, bleibt man meist an Ort und Stelle liegen. Die Konsequenzen zeigen, dass Verletzungen unwahrscheinlich sind.
- Ist die Ausgesetztheit mäßig, also gelb, ist ein Rutschen möglich, man sollte aber von selber stoppen. Verletzungen können möglich sein.
- Ist die Ausgesetztheit hoch, ist ein Stehenbleiben durch aktives Bremsverhalten noch möglich. Schwere Verletzungen sind wahrscheinlich.
- Ist die Ausgesetztheit sehr hoch, also rot, ist ein Stehenbleiben nicht mehr möglich, als Konsequenz ist mit schwersten Verletzungen oder Todesfolge zu rechnen.
Folien zur Darstellung der Ausgesetztheit aus dem Vortrag von Lucia Felbauer im Rahmen des Alpinforums 2025.
Evaluierungen im Gelände zeigten, dass die Karte überraschend gut mit den Neigungsverhältnissen vor Ort übereinstimmt. Eine weitere Evaluierung erfolgte mit der Unfallstatistik des ÖKAS – vor allem mit den Unfallursachen „Sturz, Stolpern, Ausgleiten“ und „Absturz“. Am Beispiel Stubaier Höhenweg zwischen der Innsbrucker und der Bremer Hütte sieht man, dass die Unfälle mit Todesfolge immer an besonders ausgesetzten Stellen und solchen mit potentieller unmittelbarer Absturzgefahr (pink) passierten.
Folien zur Veranschaulichung der Überprüfung der Ausgesetztheitskarte im Gelände aus dem Vortrag von Lucia Felbauer im Rahmen des Alpinforums 2025.
Die Ausgesetztheitskarte kann man sich auf der Website inklusive aller Hintergrundinformationen ansehen. Im Weiteren findet man auf der Website eine Art App-Anwendung, mit der man die Karte am Smartphone öffnen kann. Zusätzlich können unterschiedliche Hintergrundkarten gewählt werden.
Wir selber wollen keine Tourenplattform betreiben, dafür gibt es zahlreiche gute Anbieter. Der Datensatz wird direkt über eine Schnittstelle angeboten, die sich aktuell noch in Arbeit befindet. Das Team von tiris wird den Datensatz über Kartendienste anbieten. Genauere Infos folgen dazu auf der Webseite unter „Schnittstelle“. Ziel soll es sein, dass über diese Schnittstelle Plattformbetreiber die Ausgesetztheitskarte abgreifen und sie in ihre Apps und Anwendungen einbinden können, die von vielen Wandernden genutzt werden.
Folien zu weiteren Informationen zum Projekt DIGIWAY und im Besonderen zur Ausgesetztheitskarte aus dem Vortrag von Lucia Felbauer im Rahmen des Alpinforums 2025.
Frage aus dem Publikum
Dieter Stöhr, Bergrettung Hall: Eine Frage zu den Klassen – vor allem die beiden Klassen mäßig und hoch werden ja nicht nur durch die Hangneigung beeinflusst, sondern auch durch die Konsequenz eines Stolperns. Warum wird nicht auch die Vegetation miteingebunden? Es macht einen Unterschied, ob ich in einen Wald oder in die Latschen falle oder in einen steilen Wiesenhang.
Lucia Felbauer: Das ist ein sehr guter Einwand. Wir hatten leider nicht genügend Zeit, um auch das zu berücksichtigen. Unser Modell hat eindeutig Limits – es ist ein GIS-Modell und ein Modell ist niemals die Realität. Wir waren selbst am Anfang sehr skeptisch, ob es überhaupt möglich ist, die Ausgesetztheit einigermaßen naturgetreu abzubilden, waren nach den Evaluierungen im Gelände aber überrascht, wie gut es passt. Aber ja, die Vegetation ist nicht enthalten, auch nicht die Wegbreite oder die Beschaffenheit des Weges. Wenn hier jemand Interesse hat, daran weiter zu arbeiten, kann das nur ein Benefit für alle Wanderer sein.
⇒ In der Sommer-Ausgabe des Fachmagazins analyse:berg 2025 finden Sie ein ausführliches Interview mit Klaus Pietersteiner und Lucia Felbauer zu den Hintergründen des Projektes DIGIWAY. Nachzulesen auch auf dem Blog alpinesicherheit.at mit dem Beitragstitel DIGIWAY – für ÖKAS-Mitglieder mit Passwort zugänglich.
Lucia Felbauer präsentierte das Projekt DIGIWAY gemeinsam mit Klaus Pietersteiner und Christoph Kovacs im Rahmen des Alpinforums 2025.
Links & Publikationen:
- Abo Magazin analyse:berg Winter & Sommer
- Alpin-Fibelreihe des Kuratoriums
- Alpinmesse / Alpinforum 2025
- Kontakt ÖKAS:
Susanna Mitterer, Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit, Olympiastr. 39, 6020 Innsbruck, susanna.mitterer@alpinesicherheit.at, Tel. +43 512 365451-13












