Skip to main content
Klaus Hoi und Hund Fritzi - argonaut.pro

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Englisch Polnisch

„Acht Todesopfer in drei Tagen, dazu allgemein hohe Lawinenaktivität und zahlreiche Ereignisse mit Personenbeteiligung“, lautete die Überschrift der ÖKAS-Presseausendung im Februar 2023. Und weiter: „Im Zeitraum von nur drei Tagen ereigneten sich in vielen Bundesländern Österreichs zahlreiche Lawinenabgänge. In Tirol und Vorarlberg waren Unfälle mit Personenbeteiligung am häufigsten, acht Todesopfer finden sich in diesem Zeitraum in den Auswertungen der Alpinunfalldatenbank des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit (ÖKAS) und der Alpinpolizei. Es ist auffällig, dass in wenigen kurzen Perioden eines Winters Ereignis- und Opferzahlen wesentlich höher sind als in den übrigen Zeiträumen. Als ‚Lawinenzeiten‘ bezeichnen Expert:innen dieses Phänomen.“ Ein analyse: berg-Redakteur erzählte daraufhin den jungen Verfasserinnen dieser Presseaussendung, dass der Begriff „Lawinenzeit“ von seinem damaligen Bergführer-Ausbildungsleiter geprägt wurde und freute sich umso mehr, als sich dieser – nämlich Klaus Hoi – daraufhin meldete.

Im Gespräch:
Klaus Hoi

Interview:
Peter Plattner

Klaus Hoi und Hund Fritzi - argonaut.pro

↑ Klaus Hoi und sein Australian Cattle Dog Fritzi im Winter 2023
Foto: argonaut.pro

E-Mail an das ÖKAS

Ich begrüße die Presseaussendung des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit vom 7. Februar 2023 und nehme diese zum Anlass, um eine persönliche Erklärung zum Schlagwort „Lawinenzeit“ abzugeben:
Ich wurde 1965 erstmals in die Österreichische Berg- und Skiführerausbildung berufen und bin dort bis 1996 tätig gewesen. Die praxisorientierte Ausbildung bestand anfangs aus drei Lehrgängen: Sommer-, Eis- und Skiführer-Ausbildung. Nach 1950 kam es durch den aufstrebenden Alpintourismus in den Alpenländern immer wieder zu dramatischen Lawinenunfällen, auch mit Beteiligung von Bergführern. Mir wurde bald bewusst, dass die Winterausbildung einen größeren Stellenwert bekommen musste und die Berg- und Skiführer besser auf die anspruchsvolle Wintertätigkeit vorbereitet werden müssen. Es gelang mir leider erst 1978 einen Lawinenfachkurs als zweiten Winterkurs zu installieren. Bei diesem Lawinenfachkurs im Jänner bekamen die Teilnehmer die Hausaufgabe gestellt, einen Lawinenunfallbericht samt Wetterprotokoll aus ihrem Standortgebiet zu erstellen und im folgenden Jahr beim Skiführerkurs darüber zu referieren. Wir erhielten damit in der Ausbildung eine lückenlose Information über das Unfallgeschehen aus ganz Österreich. Dieses Material lässt sich unfallkundlich mit dem heutigen „Saisonbericht der Österreichischen Lawinenwarndienste“ vergleichen.

Auffallend war die Unfallhäufigkeit bei bestimmten Temperaturverläufen und physikalischen Gegebenheiten in der Vorwinterschneedecke. Diese Entwicklung bezeichneten wir als die „Vorstufe zur Lawinenzeit“, welche sich bei Wetteränderungen (Schneefall und Wind) schlagartig zu einer besonders unfallträchtigen Gefahrenzeit entwickelte! Ich versuchte, die Bergund Skiführer für diese gefährliche Phase zu sensibilisieren und in diesen hochbrisanten Tagen zu besonderer Zurückhaltung zu bewegen.

Weiterführend konnte dieses Thema bei meiner Ausbildertätigkeit im Rahmen der Österreichischen Alpinärzteausbildung von 1992 bis 2017 bei insgesamt 160 Winterkursen mit 7.680 TeilnehmerInnen erfolgreich an einen akademisch gebildeten TeilnehmerInnenkreis weitergegeben werden. Leider fand ich aber bisher weder in den Gremien der Österreichischen Lawinenwarndienste noch bei Lawinenexperten eine Fürsprache oder Zustimmung zu diesem Thema. Als einzige Ausnahme unterstützte mich Peter Höller (BWF, Abt. Naturgefahren) in dieser Meinung und bewies mit seiner statistischen Arbeit über Lawinenzeiten dieses Phänomen ganz wesentlich.

Da aufgrund der klimatischen Veränderungen und der damit einhergehenden Veränderungen im Wettergeschehen in Zukunft vermehrt Bedingungen für das Zustandekommen von Lawinenzeiten zu erwarten sein werden, ist eine einheitliche Sprache in der Lawinenwarnung anzustreben. Nachdem die Lawinenwarnung an ihre Grenzen gestoßen ist – „Wir können nicht noch mehr warnen.“ (Patrick Nairz, LWD-Tirol) – und die an der Presseaussendung beteiligten Gremien an einer breitgestreuten Warnung aller Beteiligten im Skisport, insbesondere auch Freerider und Variantenfahrer, interessiert sind, ist es längst an der Zeit, ein neues Schlagwort für die unfallträchtigsten Tage eines Winters zu verwenden! Gemeinsam könnte es gelingen, die physikalischen Zusammenhänge zum Entstehen einer Lawinenzeit allgemeinverständlich – auch für unerfahrene Skisportler – zu erklären.

Ich bedanke mich für das Interesse und verbleibe mit freundlichen Grüßen,

Klaus Hoi, 9. Februar 2023

„Ich versuchte die Berg- und Skiführer für diese gefährliche Phase zu sensibilisieren und in diesen hochbrisanten Tagen zu besonderer Zurückhaltung zu bewegen.“
Der Begriff „Lawinenzeit“ wurde daraufhin wieder breiter diskutiert und bereits im Mai 2023 haben die deutschsprachigen Lawinenwarndienste besprochen, diesen Begriff in ihren Produkten zu verwenden.

Um besser zu verstehen, was Klaus mit diesem Begriff meint, hat er uns drei Texte geschickt. Beginnen wir chronologisch mit seiner damaligen Bewertung des Winters 2009/10:


Als analyse:berg-Abonnent:in oder ÖKAS-Mitglied geben Sie bitte das Ihnen zugesandte Passwort ein.
Als Alpenverein Austria-Mitglied verwenden Sie bitte Ihre Mitgliedsnummer zum Login.

Zum Abo