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„Acht Todesopfer in drei Tagen, dazu allgemein hohe Lawinenaktivität und zahlreiche Ereignisse mit Personenbeteiligung“, lautete die Überschrift der ÖKAS-Presseausendung im Februar 2023. Und weiter: „Im Zeitraum von nur drei Tagen ereigneten sich in vielen Bundesländern Österreichs zahlreiche Lawinenabgänge. In Tirol und Vorarlberg waren Unfälle mit Personenbeteiligung am häufigsten, acht Todesopfer finden sich in diesem Zeitraum in den Auswertungen der Alpinunfalldatenbank des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit (ÖKAS) und der Alpinpolizei. Es ist auffällig, dass in wenigen kurzen Perioden eines Winters Ereignis- und Opferzahlen wesentlich höher sind als in den übrigen Zeiträumen. Als ‚Lawinenzeiten‘ bezeichnen Expert:innen dieses Phänomen.“ Ein analyse: berg-Redakteur erzählte daraufhin den jungen Verfasserinnen dieser Presseaussendung, dass der Begriff „Lawinenzeit“ von seinem damaligen Bergführer-Ausbildungsleiter geprägt wurde und freute sich umso mehr, als sich dieser – nämlich Klaus Hoi – daraufhin meldete.
Im Gespräch:
Klaus Hoi
Interview:
Peter Plattner
↑ Klaus Hoi und sein Australian Cattle Dog Fritzi im Winter 2023
Foto: argonaut.pro
E-Mail an das ÖKAS
Ich begrüße die Presseaussendung des Österreichischen Kuratoriums für Alpine Sicherheit vom 7. Februar 2023 und nehme diese zum Anlass, um eine persönliche Erklärung zum Schlagwort „Lawinenzeit“ abzugeben:
Ich wurde 1965 erstmals in die Österreichische Berg- und Skiführerausbildung berufen und bin dort bis 1996 tätig gewesen. Die praxisorientierte Ausbildung bestand anfangs aus drei Lehrgängen: Sommer-, Eis- und Skiführer-Ausbildung. Nach 1950 kam es durch den aufstrebenden Alpintourismus in den Alpenländern immer wieder zu dramatischen Lawinenunfällen, auch mit Beteiligung von Bergführern. Mir wurde bald bewusst, dass die Winterausbildung einen größeren Stellenwert bekommen musste und die Berg- und Skiführer besser auf die anspruchsvolle Wintertätigkeit vorbereitet werden müssen. Es gelang mir leider erst 1978 einen Lawinenfachkurs als zweiten Winterkurs zu installieren. Bei diesem Lawinenfachkurs im Jänner bekamen die Teilnehmer die Hausaufgabe gestellt, einen Lawinenunfallbericht samt Wetterprotokoll aus ihrem Standortgebiet zu erstellen und im folgenden Jahr beim Skiführerkurs darüber zu referieren. Wir erhielten damit in der Ausbildung eine lückenlose Information über das Unfallgeschehen aus ganz Österreich. Dieses Material lässt sich unfallkundlich mit dem heutigen „Saisonbericht der Österreichischen Lawinenwarndienste“ vergleichen.
Auffallend war die Unfallhäufigkeit bei bestimmten Temperaturverläufen und physikalischen Gegebenheiten in der Vorwinterschneedecke. Diese Entwicklung bezeichneten wir als die „Vorstufe zur Lawinenzeit“, welche sich bei Wetteränderungen (Schneefall und Wind) schlagartig zu einer besonders unfallträchtigen Gefahrenzeit entwickelte! Ich versuchte, die Bergund Skiführer für diese gefährliche Phase zu sensibilisieren und in diesen hochbrisanten Tagen zu besonderer Zurückhaltung zu bewegen.
Weiterführend konnte dieses Thema bei meiner Ausbildertätigkeit im Rahmen der Österreichischen Alpinärzteausbildung von 1992 bis 2017 bei insgesamt 160 Winterkursen mit 7.680 TeilnehmerInnen erfolgreich an einen akademisch gebildeten TeilnehmerInnenkreis weitergegeben werden. Leider fand ich aber bisher weder in den Gremien der Österreichischen Lawinenwarndienste noch bei Lawinenexperten eine Fürsprache oder Zustimmung zu diesem Thema. Als einzige Ausnahme unterstützte mich Peter Höller (BWF, Abt. Naturgefahren) in dieser Meinung und bewies mit seiner statistischen Arbeit über Lawinenzeiten dieses Phänomen ganz wesentlich.
Da aufgrund der klimatischen Veränderungen und der damit einhergehenden Veränderungen im Wettergeschehen in Zukunft vermehrt Bedingungen für das Zustandekommen von Lawinenzeiten zu erwarten sein werden, ist eine einheitliche Sprache in der Lawinenwarnung anzustreben. Nachdem die Lawinenwarnung an ihre Grenzen gestoßen ist – „Wir können nicht noch mehr warnen.“ (Patrick Nairz, LWD-Tirol) – und die an der Presseaussendung beteiligten Gremien an einer breitgestreuten Warnung aller Beteiligten im Skisport, insbesondere auch Freerider und Variantenfahrer, interessiert sind, ist es längst an der Zeit, ein neues Schlagwort für die unfallträchtigsten Tage eines Winters zu verwenden! Gemeinsam könnte es gelingen, die physikalischen Zusammenhänge zum Entstehen einer Lawinenzeit allgemeinverständlich – auch für unerfahrene Skisportler – zu erklären.
Ich bedanke mich für das Interesse und verbleibe mit freundlichen Grüßen,
Klaus Hoi, 9. Februar 2023
„Ich versuchte die Berg- und Skiführer für diese gefährliche Phase zu sensibilisieren und in diesen hochbrisanten Tagen zu besonderer Zurückhaltung zu bewegen.“
Der Begriff „Lawinenzeit“ wurde daraufhin wieder breiter diskutiert und bereits im Mai 2023 haben die deutschsprachigen Lawinenwarndienste besprochen, diesen Begriff in ihren Produkten zu verwenden.
Um besser zu verstehen, was Klaus mit diesem Begriff meint, hat er uns drei Texte geschickt. Beginnen wir chronologisch mit seiner damaligen Bewertung des Winters 2009/10:
Lawinenzeit 2010:
Eine Einschätzung aus dem obersteirischen Blickwinkel
Der frühe Winterbeginn Anfang Oktober 2009 überraschte doch etwas. Unmittelbar nach der letzten „hemdsärmeligen“ Klettertour in den Gesäuse-Nordwänden brachte ein erster Wintereinbruch enorm viel Schnee.
Ab Mitte Oktober konnte man oberhalb von 1.500 Metern Seehöhe grundlose, aber sonst gefahrlose Pulverschneetouren machen. Wer sich allerdings mit Schneephysik befasst, konnte beim folgenden Wetterverlauf nichts Positives für den weiteren Winter erwarten: Einerseits führten die Bodenwärme und andererseits die fast ohne Unterbrechung anhaltende Kälteperiode bei starken Minusgraden zu Schwimmschnee- und Tiefenreifbildung in allen Höhenlagen und Hangrichtungen.
Bei vergleichbaren Schneeverhältnissen kam es dann bereits Anfang Jänner 2010 im Berner Oberland zu einer Lawinen-Unfallserie.
In Österreich änderte sich die Situation erst in der ersten Februarwoche 2010 schlagartig: Mäßiger, aber sehnsüchtig erwarteter Schneefall im Norden mit starkem Wind aus Nordwest und Nord führte zu lokalen Schneebrettbildungen. Allerdings durchaus untypisch mit weniger Pressungen, häufig mit lockerem und kaltem Oberflächenschnee sowie wenigen Setzungsgeräuschen. Die Schneebretter befanden sich oft in bewaldetem Gelände oder knapp über der Waldgrenze.
Stauden, Latschen und Felsen waren sichtbar. Trotzdem waren getarnte Schneebretter leicht störbar und auch fernauslösbar. Es gab viele kleinere Unfälle ohne schwere Verschüttungen, jedoch innerhalb eines Tages – am Donnerstag, den 4. Februar – sechs Lawinentote entlang der Nordalpen vom Kleinen Walsertal bis zum Ötscher.
In der zweiten Februarwoche haben sich Schneebrettunfälle infolge der Wetterlage auch auf die Südalpen ausgedehnt (Dolomiten, Kärnten, Slowenien). Insgesamt gab es in den ersten beiden Februarwochen bereits 20 Lawinentote in den österreichischen Bergen.
Mit diesen Ausführungen möchte ich erklären, wie es zur Entstehung dieser „Lawinenzeit 2010“ gekommen ist, einem Phänomen, das nicht jeden Winter auftritt. Eine ähnliche Lawinensituation gab es zuvor im Februar 1996, als sich innerhalb von neun Tagen im Nordalpenbereich 36 Unfälle mit 11 Toten ereigneten und im Februar 2005, als in 10 Tagen 12 Menschen in Lawinen starben. Die Ähnlichkeit von Lawinenzeiten kann aus der Vergangenheit immer wieder gut abgelesen werden.
„Es war bei dieser Schneedeckenentwicklung abzusehen, dass mit den ersten massiveren Schneefällen und Verfrachtungen eine Schneebrettbildung in außergewöhnlichem Ausmaße entstehen wird.“
Diese Gefahreneinschätzung – dass mit den ersten massiveren Schneefällen und Verfrachtungen eine Schneebrettbildung in außergewöhnlichem Ausmaße entstehen wird – war nicht nur Bergführern und allen aufmerksamen Beobachtern vorbehalten. Einige Lawinenwarndienste gaben diesbezüglich eine Warnung auf die bevorstehende Gefahrenverschärfung heraus. Die Medien reagierten allerdings kaum oder überhaupt nicht.
Das Phänomen „Lawinenzeit“ kann durch die Warnstufen (Skala 1 bis 5) des Lawinenlageberichtes nicht wiedergegeben werden. Abgesehen davon, dass die flächendeckende Warnstufe keiner Einzelhangbeurteilung entspricht, wurde die Stufe 3 diesen schwierig einzuschätzenden Bedingungen nicht gerecht. Die Streuung der Gefahrenhänge war einfach zu groß. Auf einzelnen Bergen herrschte keine Lawinengefahr, andernorts waren wieder Hänge und Böschungen auch unter 30 Grad enorm leicht auszulösen. Es fehlten oftmals erkennbare Spannungen und typische Setzungsgeräusche. Für die Stufe 4 fehlten die Parameter in Form größerer Spontanabgänge, weil auch die Schneedecke wenig mächtig war. Im Wald unterhalb von 1.500 Metern Seehöhe konnte aus Schneemangel meist noch immer nicht gefahren oder gegangen werden.
Die Stufe 4, die als Prävention ausgegeben wurde, und eine stereotype mediale Warnung, den gesicherten Skiraum nicht zu verlassen, bewirkte eine fast geisterhafte Leere in den Tourengebieten. Die Variantenfahrer (Freerider und Snowboarder) ließen sich allerdings kaum beeindrucken. Ihr Spurenbild ist die Sprache der Respektlosigkeit – schließlich will der Slogan „No risk no fun“ gelebt werden.
Wie beurteilt ein Profi eine derartige Situation?
Durch Analysen, Prozessdenken und Erfahrung:
- Durch Beobachtung wie der Winterbeginn ist und wie der weitere Schneedeckenaufbau erfolgt.
- Nur wenn man ständig unterwegs ist, kann man „nachjustieren“ und meteorologische Einflüsse erkennen. Um Vergleiche herzustellen, muss man repräsentative Touren immer wieder gehen.
- Die Schneedeckenuntersuchungen an den „richtigen“ Stellen gehören dazu. Vergleiche mit früheren Erfahrungen ergeben sich von selbst.
- Der Erfahrungsaustausch unter Kollegen ist übliche Routine.
- Georg Kronthaler (Bergführer, Bayerischer LWD) bezeichnet den Vorgang der vergleichenden Schneedeckenanalyse als „Prozessdenken“ (vgl. bergundsteigen, 4/2006).
- Bei der Entscheidungsfindung erfolgt ein Abgleichen mit gemachten Erfahrungen, in Summe ist das ein lebenslanges Lernen.
Der Profi ist mit seinen Erfahrungen und Einschätzungen der Lawinenwarnung und dem Lagebericht immer etwas voraus. Die Ersteller des Lageberichtes haben es fast nur mit Messdaten zu tun und damit ist es viel schwieriger, eine zutreffende Beurteilung zu Stande zu bringen. Diese erstreckt sich flächenmäßig über weite Gebirgsregionen. Bereits in den verschiedenen Talschaften, Hangrichtungen und Stellungen sowie Höhenlagen gibt es meist sehr große Unterschiede. Eine Einzelhangbeurteilung ist prognostisch sowieso nie möglich.
Die sogenannte „Neue Lawinenkunde“ oder auch „Strategische Lawinenkunde“ ist eine probabilistische Methode, welche auf der prognostischen Lawinenwarnstufe aufbaut. Der Glaube an die Lawinenwarnstufe ist eine Voraussetzung.
Ob sie der Wirklichkeit entspricht, ist nicht beweisbar. Alle von der Reduktionsmethode nach Munter abgeleiteten Methoden sind auf Wahrscheinlichkeiten aufgebaut.
Der verehrte Leser möge nun für sich entscheiden, ob er über genügend Hintergrundwissen verfügt, um den Lagebericht selbst zu verifizieren und anhand einer Wahrscheinlichkeitsrechnung eine Skitour sicher genug bewerten kann.
Zur Lawinenkundeausbildung wäre abschließend zu sagen: Von nichts kommt nichts. In kurzer Zeit und ohne Mühen kann man keine Lawinenkunde lernen. Probabilistische Methoden wie „Stop or Go“ sind ein Mosaiksteinchen der Lawinenkunde, das haben uns die Ereignisse der Lawinenzeit 2010 deutlich gemacht. Wer also der Faszination der einfachen, strategischen Beurteilungsformel erlegen ist, sollte das gut einhundert Jahre alte lawinenkundliche Wissen und die Erfahrungen nicht außer Acht lassen.
Die Lawinensachverständigen in Österreich sind zur Erkenntnis gelangt, dass sich Lawinengefahr nicht berechnen lässt und dass bei der Erhebung von Unfallursachen stets das gesamte Spektrum der Lawinenkunde in Betracht zu ziehen ist. Sachverständige betonen auch, dass die Lawinenwarnung durch den Lagebericht eine allgemein gehaltene Prognose und keine Messung ist!
Auch der prognostische Wetterbericht trifft nicht überall zu, wie ein aufmerksamer Beobachter feststellen kann. Wie weit aber der Lagebericht zutrifft, kann nicht überprüft werden. Es ist daher auch unseriös, alle Unfälle mit der Warnung in Verbindung zu bringen.
Lawinenbildung ist ein Phänomen der Naturgesetze. Wie weit sich der Mensch diesen aussetzt, ist in den Bereich der Eigenverantwortung zu stellen!
Diese Eigenverantwortung wahrzunehmen, bedeutet mehr als Informationen zu sammeln und irgendwelchen Spuren im Schnee nachzulaufen und nachzufahren. Jeder eigenverantwortliche Skiläufer muss in der Lage sein, sein Tun vom Eigenkönnen und Wissen abhängig zu machen.
Reagiere nicht, sondern agiere!
Klaus Hoi, 16. Februar 2010
„Lawinenbildung ist ein Phänomen der Naturgesetze. Wie weit sich der Mensch diesen aussetzt, ist in den Bereich der Eigenverantwortung zu stellen!“
Nach dieser 14 (!) Jahre alten Analyse, beschäftigt sich der zweite Text von Klaus mit den Ereignissen im Februar 2022:
Lawinenzeit 2022
Am 4. und 5. Februar 2022 ist es in Tirol, Vorarlberg und Bayern zu einer auffälligen Häufung von Lawinenunfällen gekommen: Mehr als 100 registrierte Abgänge, 70 Bergrettungseinsätze und neun Lawinentote wurden gezählt. Diese Form einer akuten Lawinenzeit hat es immer schon gegeben, zumindest kann ich mich in den letzten 50 Jahren an viele ähnliche und vergleichbare Phänomene erinnern und habe diese unfallkundlich immer für den Unterricht genützt. Der Alpinjournalist Walter Flaig (1893–1972) beschreibt bereits im Lawinenhandbuch von 1935 die Entstehung solcher Lawinenzeiten.
Einer meiner wichtigsten Grundsätze bei der Lawinen-und Schneekunde war stets, den Winterbeginn zu beobachten und die Schneedecke von Anfang an zu kennen. Das größte Problem dabei ist natürlich die Vielfalt der Alpen mit den kleinräumigen Wettereinflüssen und den klimatischen Unterschieden.
Die Schneedecke kann man nicht überall mit eigener Erfahrung einschätzen. Man ist auf gute und verlässliche Informationen angewiesen. Hier zeigt sich wieder einmal die Wichtigkeit eines persönlichen Standortes für den Berufsbergführer sowie die Vernetzung mit kompetenten Kollegen.
Manche Winter beginnen insofern „verdächtig“, indem es früh im Herbst schneit, die Schneedecke aber schwach und dünn bleibt und lang anhaltend tiefen Temperaturen ausgesetzt ist. Damit entsteht lokal oder weit verbreitet, jedoch unterschiedlich verteilt auf Nord- oder Südalpen, West- oder Ostösterreich, selbst innerhalb eines Tales, Schwimmschnee mit unterschiedlicher Intensität am Boden.
Schwimmschnee: Dieser Begriff wurde vom Schneeforscher Wilhelm Paulcke (1873–1949) geschaffen, Alpinpublizist Walter Flaig schreibt darüber Folgendes:
„Es gibt nur eine Sorte trockenen Altschnees, den Schwimmschnee. Demgemäß auch die Lawinenart: die Schwimmschneelawine. Dieser kantige, trockene Schwimmschnee kann dabei selbst lawinenbildend sein, aber vor allem durch die Roll- und Gleitschicht die darüber liegenden Lawinenschichten abgeben.“
Natürlich erscheint der Hinweis auf diese längst vergriffene Literatur über die Grundlagenforschung aus dem 20. Jahrhundert altmodisch und überholt. Die heutigen Experten sprechen von analytischem/wissensbasiertem und probabilistischem/regelbasiertem Wissen und Strategien, welche für normale Wintersportler/Bergsteiger kaum zu verstehen oder umzusetzen sind. Die Literatur und Beschreibungen aus den Anfängen der Lawinen- und Schneeforschung würden auf Grund der verständlichen Sprache besser verstanden werden.
„Die Lawinenzeit entsteht nicht schlagartig und ist eigentlich auf Grund der Vorgeschichte relativ gut vorhersehbar.“
Wann sind Voraussetzung und Grundlage für das Aufflammen einer Lawinenzeit gegeben?
Nämlich dann, wenn aufgrund der vorhin geschilderten Schneedeckenentwicklung verbreitet Schwimmschnee bzw. durch die aufbauende Umwandlung kantige Schwachschichten auch innerhalb der Schneedecke – entstanden ist und bei Frontannäherung Starkschneefälle, insbesondere mit Wind und Stürmen, zu lokalen, aber auch häufig großflächigen Verfrachtungen – und somit zur Bildung von Schneebrettern aufgrund von Triebschnee – führen. Die Lawinenzeit entsteht nicht schlagartig und ist eigentlich auf Grund der Vorgeschichte relativ gut vorhersehbar. Der Wetterverlauf, insbesondere die Luftbewegungen, sind einige Tage voraus ziemlich sicher zu prognostizieren, damit könnte auch in der Lawinenwarnung vorausschauend reagiert werden. Der Warneffekt wäre damit auch wesentlich wirksamer.
Häufig lautet der stereotype Text in den Medien: „Es herrscht Gefahrenstufe 3, das ist die Warnstufe mit den meisten Lawinenunfällen.“ Die Warnstufe 3 wird in der Saison ca. zu 50 % ausgegeben. Die Experten versuchen vergeblich, ihrem Publikum die Gefährlichkeit der Stufe 3 zu erklären, anstatt auf die sichtbaren und erkennbaren Zeichen der Lawinengefahr einzugehen und die Gefahrenskala von 1 bis 5 auszunützen. Bei kritischem Schneedeckenaufbau reicht die Warnstufe 3 nicht mehr aus, insbesondere wenn es auf Grund weiträumiger Schwachschichten zu Fernauslösungen kommt. Die Bezeichnung „Altschneeproblem“ ist missverständlich, effektiver wäre, den Begriff Schwimmschnee (kantige Schwachschichten) mit ausgeprägten Setzungsgeräuschen zu verwenden. Bei diesen Verhältnissen haben wir eine Katastrophenlage zu erwarten und es können ganze Gruppen (samt Airbag) in diesen Schneebrettern verschwinden – vor allem in Kombination mit einer Geländefalle.
Abschließend habe ich noch eine Anregung: So anschaulich verständlich die Meteorologen von Servus TV das Wettergeschehen erklären, könnten diese Fachleute auch die Lawinenentstehung mit der dazugehörigen Schneekunde in kleinen Portionen dem geneigten Publikum näherbringen.
Klaus Hoi, 10. Februar 2022
Bereits ein Jahr später – im Betrachtungszeitraum dieser analyse:berg-Ausgabe – gab es erneut einen kurzen Zeitraum, in dem zahlreiche Lawinen abgingen und mehrere Lawinentote zu beklagen waren:
Lawinenzeit 2023
Zeitgleich zur Lawinenzeit im Februar 2022 ereignete sich am Wochenende vom 4. bis 5. Februar 2023 in Westösterreich wiederum eine Serie von Schneebrettabgängen mit Verschütteten, davon neun mit Todesfolge.
Eine Ähnlichkeit der Vorgeschichte und der Schneedeckenentwicklung vom Februar 2022 ist eine Tatsache. Der labile Untergrund bzw. die Schwachschicht entstand im schneearmen Vorwinter 2022 und Jänner 2023 aufgrund der anhaltenden Kälte (hist. Schwimmschneebildung, aufbauende Umwandlung). Warmlufteinfluss mit Regen konnte nur bis in die mittlere Höhe von 1.500 Meter die Schneedecke durchfeuchten und entschärfen, darüber blieb die Schwimmschnee-Situation unverändert bestehen. Starkschneefälle mit Wind und Verfrachtung Ende Jänner setzten augenblicklich wieder das Phänomen „Lawinenzeit“ in Kraft.
Im Text zuvor vom Februar 2022 – und ähnlichen Abhandlungen vor Jahrzehnten – wurde der Begriff „Lawinenzeit“ von mir immer wieder erörtert. Nachdem in diesem Zeitraum ab 2. Februar 2023 in Tirol die Lawinenwarnstufe auf 4 gehoben worden ist, kam es in den Kreisen der Tourenskibergsteiger zu einer angebrachten Zurückhaltung und Vorsicht im alpinen Raum. Auf Grund der extremen Wettersituation waren Skitouren in exponierten Lagen glücklicher Weise weniger gut durchführbar. Diesmal waren auffallend weniger bergsteigende Skisportler involviert, sondern vielmehr die Lift- und Seilbahnsportler beim Variantenfahren. Diese Gruppe von Skisportlern ist meist völlig ahnungslos was Gefahreneinschätzung und lawinenkundliches Wissen betrifft und daher ist in diesen Kreisen die öffentliche Warnung mit dem Hinweis auf Warnstufe 4 wirkungslos bzw. kann nicht verstanden und umgesetzt werden.
Patrick Nairz vom Tiroler Lawinenwarndienst hat in einem ORF-Interview von „einem kurzen Zeitraum großer Gefahr“ gesprochen und auf „eine auffallende Wiederholung der Situation von 2022“ hingewiesen. Dieses Phänomen als „Lawinenzeit“ zu bezeichnen und anzusprechen wäre angebracht, da es auch in den zukünftigen Wintern klimabedingt zu solchen Situationen kommen wird.
Abschließend kann ich nur wiederholen: Um die tödlichen Gefahrensituation einer wenige Tage andauernden „Lawinenzeit“ zu vermeiden, ist eine totale Zurückhaltung im skibergsteigerischen und abfahrtsorientierten Verhalten notwendig.
Der Begriff „Lawinenzeit“, wie er von mir geschildert und beschrieben wird, müsste von allen Gremien und Fachkräften als solcher anerkannt und kommuniziert werden. Ähnlich wie bei akuten Wetterwarnungen (Blitzeis, Sturmwarnung), könnte mit der „Lawinenzeit Warnung“ eine allgemein verständliche Definition des Lawinenproblems erzielt werden.
Klaus Hoi, 6. Februar 2023
5 Fragen
In der bergundsteigen Ausgabe #125/Winter 23-24 (www.bergundsteigen.com) erschien von Klaus der Beitrag „Lawinenzeit – Ein tödliches Phänomen“ ergänzt durch „Lawinenzeit – Analyse und Folgerungen“ von Peter Höller. Und weil wir mit Klaus bezüglich seiner E-Mail und seinen Texten in Kontakt waren, haben wir die Gelegenheit genutzt und noch etwas genauer nachgefragt:
a:b
Klaus, der Begriff „Lawinenzeit“ ist durch die ÖKASPresseaussendung und deinen bergundsteigen-Beitrag einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden und auch die Lawinenwarndienste verwenden ihn teilweise. Zufrieden?
K:H
In meiner Zeit als Ausbildungsleiter war es nicht schwierig, den angehenden Berg- und Skiführern das Phänomen „Lawinenzeit“ zu erklären und sie dafür zu sensibilisieren. Innerhalb der Lawinenwarndienste wollte man diesen Begriff aus mir unerklärlichen Gründen nicht annehmen – diese Meinung hat sich nun gedreht. Nur mithilfe der Warndienste und deren Fachleute wird eine Verbreitung im Kreis der Wintersportler und Bergsteiger möglich sein und damit eine Reduzierung von Unfällen erfolgen. Das ist für mich wesentlich und zufriedenstellend.
a:b
Viele Unfälle und Lawinentote in einem kurzen, vorhersehbaren Zeitraum – so kann man Lawinenzeit verstehen. Was aber, wenn in einem solchen „gefährlichen“ Zeitraum keine Unfälle geschehen? Dann droht der Warnung „Lawinenzeit“ doch ein ähnliches Schicksal wie der Gefahrenstufe 3 und tw. 4: Wenn nichts passiert, wird es irgendwann nicht mehr ernst genommen, weil man sich daran gewöhnt hat …
K:H
Davon sind wir noch weit entfernt. Für die meisten Wintersportler ist eine „Lawinenzeit“ aktuell ein neuer Begriff, ein überraschendes Phänomen: Die vorerst harmlos erscheinende Schneedeckensituation, z. B. mit kalter und lockerer Oberfläche – oft Reifbildung –, ist für Tiefschneefahrten ideal und verlockend. Auf Grund des zunehmenden Extremverhaltens und der steigenden Zahl an Geländefahrern wird es zwangsläufig Schneebrettauslösungen und Unfälle geben. Bei einer ausgeprägten Schwimmschnee- bzw. Schwachschichtenausbildung sind auch Fernauslösungen über weite Strecken in riesige Geländekammern möglich.
Dann mit einer „Lawinenzeit“ zu warnen – ergänzend zu den Informationen der Lawinenprognose – kann beitragen, dass die Skifahrer die Situation besser verstehen und eine direkte Handlungsempfehlung bekommen. Mein Apell zu Verzicht und Zurückhaltung ist vor allem auch an die Professionisten und Bergführer gerichtet, um die schweren Gruppenunfälle zu vermeiden, wie sie in letzter Zeit passiert sind.
a:b
Du beschreibst „Lawinenzeit“ als Gefahr durch Schneebrettlawinen bei einer ausgeprägten aufbauend umgewandelten kantigen Schwachschicht. Was aber, wenn z. B. im Frühjahr bei warmen Temperaturen an einem schönen Wochenende mehrere Skitourengeher durch nasse Lockerschneelawinen sterben, weil sie zu spät abgefahren sind – auch eine Lawinenzeit?
K:H
Die Lawinensituation im Frühjahr durch Erwärmung, insbesondere in Form von nassen Lockerschneelawinen, ist relativ einfach zu erklären und selbst durch Laien spür- und erkennbar. Auch die Auslösemechanismen funktionieren völlig anders und es besteht kein Grund, eine durchfeuchtete Schneedecke mit der im Tagesverlauf nicht reversiblen Schwimmschneesituation gleichzusetzen. Sobald die Temperatur sinkt, die Abstrahlung wirkt und der Schnee gefriert, ist auch die Gefahr geringer, also besteht auch keine „Lawinenzeit“ wie bei der Ausbildung von bleibenden Schwachschichten.
a:b
Du erwähnst, wie wichtig der Vorteil als Standort-Bergführer zur Einschätzung der Lawinensituation ist. Ich kann mich erinnern, dass du vor gut 30 Jahren bei meiner Bergführerausbildung uns jungen Aspiranten – die in die Westalpen und darüber hinaus wollten – erklärt hast, wie wichtig es ist, als Berufsbergführer von zuhause aus arbeiten zu können. Warum war und ist das deiner Meinung nach so wichtig?
K:H
Für einen Winterbergführer ist ein Standortgebiet von enormer Wichtigkeit und von beinahe essenzieller Bedeutung. Es kann mühelos ohne besonderen Aufwand die Entwicklung des Schneedeckenaufbaues beobachtet und der Gefahrengrad eingestuft werden. Die sicheren Geländeabschnitte und Touren können immer wieder als Rückzugsgebiete genutzt werden. Der „Wanderbergführer“ ist in fremden Gebieten ständig mit schwer einschätzbaren Gefahrensituationen konfrontiert und wird unter „Druck und Erfolgszwang“ nur mit Glück den Zeitraum eines Bergführerlebens überstehen können.
a:b
Ich möchte als Bergführer keinen Lawinenunfall haben und als privater Skitourengeher in keiner Lawine sterben. Was empfiehlst du mir?
K:H
Auf Grund der klimatischen Veränderungen in Richtung schneearme und kalte Winter wird der Schneedeckenaufbau in Zukunft jedes Jahr kritisch werden. Die Voraussetzungen für stressfreies und sicheres Skibergsteigen werden schlechter. Somit sind wir wieder beim Vorteil des Wissen- und Erfahrung-Sammelns in einem Standortgebiet, wo ich mich auch in Gefahrenzeiten noch sicher genug bewegen kann.
Das Motto „weniger ist mehr“ gilt ganz besonders was Exponiertheit und Steilheit bei der Geländewahl betrifft. Wir müssen uns wieder auf ein „normales“ Touren- und Naturerlebnis besinnen und dieses nicht vom Extremverhalten Einzelner bestimmen lassen.
Beim gefährlichen alpinen Felsklettern wurde mit Plaisierklettertouren eine neue Dimension von Sicherheit erreicht. Daher muss es auch für Skitouren eine neue Qualität von Sicherheit durch Verhaltensänderung, Anpassung und verstärkter Akzeptanz von Gefahrenzeiten geben. Für den Profibergführer ist das die einzige Überlebenschance und die Grundvoraussetzung für ein unfallfreies Berufsleben.
Links & Publikationen:
- Dieser Beitrag ist im ÖKAS Fachmagazin analyse:berg Winter 2023/24 (Betrachtungszeitraum: 01.11.2022 bis 31.10.2023) erschienen.
- Chefredakteur: Peter Plattner (peter.plattner@alpinesicherheit.at)
- Abo Magazin analyse:berg Winter & Sommer
- Alpin-Fibelreihe des Kuratoriums
- Alpinmesse / Alpinforum 2025
- Kontakt ÖKAS:
Susanna Mitterer, Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit, Olympiastr. 39, 6020 Innsbruck, susanna.mitterer@alpinesicherheit.at, Tel. +43 512 365451-13





