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Von den drei tödlichen Hochtourenunfällen im Betrachtungszeitraum geschah einer im Jänner während einer Eistour im kombinierten Gelände durch einen Lawinenabgang. Die beiden anderen Unfälle ereigneten sich im klassischen Hochtourengelände mit zwei Gemeinsamkeiten: Bei beiden war die Kürsinger Hütte (2.548 m) Ausgangspunkt und bei beiden handelte es sich nicht um private, sondern um geführte Touren – zum einen um eine geführte Vereinstour und zum anderen um einen Lehrgang der Bergführerausbildung. Im Folgenden die Berichte der Alpinpolizei.
Abb. 1: Die Unfallorte der beiden tödlichen Hochtourenunfälle. Am 29. Juni 2024 stürzte ein Aspirant bei einem Ausbildungskurs zum Österreichischen Berg- und Skiführer am Nordgrat des Großen Geigers (3.360 m) nach einem Seilriss tödlich ab. Am 13. August 2024 starb ein Teilnehmer einer geführten ÖAV-Tour, nachdem er im Abstieg unangeseilt in eine überdeckte Randkluft stürzte.
Karte: Bundesamt für Eich- und Vermessungswesen | © BEV, CC BY 4.0, data.bev.gv.at
Vorstiegssturz mit Seilriss,
Nordgrat Gr. Geiger/Venedigergruppe am 29.06.2024
Siegfried Berger
Polizeibergführer, Leiter Alpine Einsatzgruppe (AEG) Zell am See
Unfallhergang
Ein 26-jähriger Österreicher war am Samstag, den 29. Juni 2024, als Bergführeraspirant im Rahmen eines Ausbildungskurses im Obersulzbachtal (Gemeindegebiet Neukirchen, Salzburg) unterwegs. Geplant war die Besteigung des Großen Geigers (3.360 m) über den Nordgrat, welcher in einfacher Kletterei bis zum Schwierigkeitsgrad III (UIAA) bewältigt werden muss. Der Aspirant hatte die Aufgabe erhalten, seinen Ausbilder am Seil mit der entsprechend richtigen Sicherungstechnik zum Gipfel zu führen.
Gegen 08:30 Uhr lagen die Hauptschwierigkeiten bereits hinter der Seilschaft. Der weitere Weg führte über leichteres Gelände im Schwierigkeitsgrad I–II (UIAA). Den Ausbildungsrichtlinien entsprechend positionierte der Aspirant seinen Lehrer – der die Rolle eines Gastes simulierte – so auf einem acht bis zehn Quadratmeter großen Podest, dass er gegen ev. Steinschlag geschützt war. Der Weiterweg war gut einseh- und leicht einschätzbar. Von den 50 Metern Seil, die er für die Führungsarbeit bei sich führte, verwendete er ca. zehn Meter zum Sichern – der Rest war am Körper bzw. im Rucksack verstaut.
Nachdem er ca. zwei bis drei Meter nach oben weggestiegen war, rutschte ein Felsblock in der Größe von ca. 100×50×20 Zentimetern unter seinen Füßen weg, wodurch er das Gleichgewicht verlor. Sein Ausbilder – der sich im vermeintlich sicheren Gelände ohne Selbstsicherung aufhielt – konnte zwar das Seil mit den Händen ergreifen, den Absturz jedoch nicht verhindern. Nachdem er einen heftigen Ruck gespürt hatte, kam es zu einer Durchtrennung des Seils.
Der Ausbilder eilte sofort zum Abgestürzten, der etwa 50 Meter entfernt regungslos im Geröll liegen geblieben war. Es gelang ihm, einen großen Steinblock, der auf dem Aspiranten lag, wegzuheben und mit den notwendigen Rettungsmaßnahmen zu beginnen. Der mit dem Hubschrauber eintreffende Notarzt konnte allerdings nur mehr den Tod feststellen.
Abb. 2: Die Unfallstelle am Nordgrat des Hohen Geigers aus dem Hubschrauber. Eingezeichnet ist die Absturzstelle des Aspiranten und die Sturzbahn, nachdem das Seil zweimal gerissen war, sowie seine Endlage. Dort befindet sich der Ausbilder und zwei weitere Anwärter, welche Erste Hilfe leisten bzw. den Hubschrauber einweisen. Die restlichen Gruppenmitglieder sowie weitere Aspiranten mit ihren Ausbildern, die auch am Grat unterwegs waren, sind am Grat sichtbar.
Foto: Alpinpolizei
Rettungs- und Bergungsmaßnahmen
Unmittelbar nach dem Absturz wurde von der Unfallstelle ein Notruf abgesetzt und der Notarzthubschrauber (NAH) Martin 6 (Martin Flugrettung, Heli Austria) entsandt. Ein Alpinpolizist der PI Neukirchen/Großvenediger führte in der Folge die ersten Erhebungen durch.
Nachdem der Notarzt des NAH nur mehr den Tod des Verunfallten feststellen konnte, barg der Polizeihubschrauber Libelle Salzburg den Leichnam.
Erhebungsergebnis
Ein aus 42 Aspiranten bestehender Ausbildungskurs der Österreichischen Berg- und Skiführer bezog am 28. Juni 2024 Quartier auf der Kürsinger Hütte (2.548 m). Noch am selben Tag wurden einige Vorträge abgehalten, u. a. wurde auch das Thema „Führungstechnik“ behandelt, welches Inhalt der am nächsten Tag geplanten Tour war. Danach erfolgte die Aufteilung der Teilnehmer auf die Ausbilder und die Überprüfung der Ausrüstung. Die Gruppe des verunfallten Aspiranten umfasste neben ihm und dem Ausbilder noch vier weitere Teilnehmer, also insgesamt sechs Personen.
Abschließend musste noch die Tourenplanung für den nächsten Tag durchgeführt werden. Weil eine stabile Wetterlage vorhergesagt war, entschied man sich für eine etwa 11-stündige Tour. Detailgenau wurde bestimmt, wer wann welche Aufgaben zu erledigen habe. Der Abmarsch sollte gegen 05:00 Uhr erfolgen. Einigen der Teilnehmer war die Tour bereits bekannt und die Anforderungen entsprachen ihrem Ausbildungsstand.
Zusätzlich wurde noch ein GPS-Track über den Routenverlauf, der von der Kürsinger Hütte über den Nordgrat auf den Gr. Geiger führen sollte, erstellt.
Der Tourentag begann wie geplant und am Einstieg des Grates trafen sie ausgezeichnete Verhältnisse an. Der Aspirant kannte den Grat von einer Begehung zwei Wochen zuvor und leistete als „Leadguide“ ausgezeichnete Arbeit. Er erwähnte, dass es damals bei winterlichen Verhältnissen viel schwieriger war. Ewas später kam es zum oben geschilderten Unfall, der nur vom Ausbilder unmittelbar beobachtet werden konnte. Eine andere Teilnehmerin sah noch einen Stein abrutschen, der in weiterer Folge noch mehr Material in Bewegung geraten ließ. Von den anderen wurde der Vorfall nur akustisch wahrgenommen, ein Teilnehmer setzte sofort den Notruf ab.
Weitere Erhebungen
Am Unfalltag um 12:20 Uhr wurde die Staatsanwaltschaft Salzburg über den Unfall in Kenntnis gesetzt, welche um 16:20 Uhr einen Sachverständigen mit der Befundaufnahme und Gutachtenerstellung beauftragte. Gleichzeitig erfolgte die Anordnung zur Obduktion und einer chemisch toxikologischen Untersuchung.
Am 30. Juni 2024 führten ein Alpinpolizist und der Sachverständige weitere Erhebungen an der Unfallstelle durch. Das detailgenaue Ergebnis wurde in weiterer Folge vom Sachverständigen an die Staatsanwaltschaft übermittelt.
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Zum Gutachten
Nachdem die Ermittlungen aufgrund des Gutachtens eingestellt wurden, konnte der beauftragte Sachverständige Walter Siebert diesen Fall und seine Beurteilung im Rahmen der ÖKAS-Sachverständigenfortbildung 2025 seinen Kollegen vorstellen. Eine kurze Zusammenfassung dazu können Sie auf Seite 153 nachlesen und dort finden Sie auch den Link zum entsprechenden digitalen Tagungsband auf der ÖKAS-Webseite, inkl. Unfallskizzen etc.
Der Sachverständige stellte am Unfallseil – ein Edelrid Swift Protect Pro Dry 8,9 mm (vgl. S. 136) – zwei Brüche fest: einen Riss und ein Abschlagen durch einen Stein (des Weiteren wurde das Seil im Zuge der Ersten-Hilfe-Maßnahmen mehrmals abgeschnitten).
Als wahrscheinliche Ursache für den Absturz und die Seilrisse führt Walter Siebert in seinem Gutachten an: „Eine mögliche Ursache ist, dass ein starker Seilzug den Vorsteiger aus dem Gleichgewicht gerissen hat. Dieser Seilzug kann (nur) dadurch erklärt werden, dass sich das Seil um einen abrutschenden Felsblock gewickelt hat […] Dafür sprechen auch die Seilschäden durch Steineinwirkung. Sollte der Vorsteiger das Seil auf ca. 10 m zwischen ihm und seinem Ausbilder/Gast verkürzt haben, liegen die Seilschäden an der passenden Position, um zuerst den Vorsteiger aus dem Stand zu reißen und danach den ungewöhnlich starken Seilzug auf den Ausbilder/Gast zu bewirken. Die Steinschlagspuren weisen auch darauf hin, dass mehrere Steine hinuntergefallen sind. Wenn das Seil in Schlingen auf abrutschenden Steinen lag, kann es sich durchaus darin verwickelt haben.“
Zusammenfassend kommt er zum Schluss: „Der Aspirant ist durch eigenen Einfluss abgestürzt. Die Ursache für den Absturz ist eine Verkettung unglücklicher Einwirkungen. […] Man kann davon ausgehen, dass der Ausbilder/Gast durch den Seilzug ebenfalls mitgerissen worden wäre, wenn nicht das Seil vorher gerissen wäre.“
Randkluftsturz,
Krimmlertörlkees/ Venedigergruppe am 13.08.2024
Johannes Wurzer
Polizeibergführer, PI Zell am See
Unfallhergang
Am Dienstag, den 13. August 2024, war eine 10-köpfige Tourengruppe des Österreichischen Alpenvereins Sektion Murau unter der Leitung von zwei Tourenführern auf einer Hochtour im hintersten Obersulzbachtal unterwegs. Sie stieg gerade vom Gamsspitz (2.888 m) über das Krimmlertörlkees ab und befand sich um ca. 12:10 Uhr am Übergang vom Gletscher zu einem markierten Steig (ca. 2.570 m), als ein 54-jähriger Teilnehmer in eine mit Altschnee (Firn) bedeckte Randkluft – eine Spalte am Übergang vom Gletscher zum Fels – einbrach. Seine Begleiter konnten zu ihm weder einen Sicht- noch Rufkontakt herstellen und setzten einen Notruf ab.
Nach einer aufwändigen Bergeaktion unter der Beteiligung der Bergrettungen Neukirchen/Großvenediger und Prägraten/Großvenediger sowie der Alpinpolizei, des Bundesheeres und zweier Hubschrauber des BMI, konnte der Verunfallte um 18:15 Uhr nur noch tot aus einer Tiefe von ca. 18 Metern geborgen werden.
Erhebungsergebnis und Bergemaßnahmen
Die von zwei Tourenführern geleitete ÖAV-Gruppe befand sich für einen mehrtätigen Hochtourenausflug auf der Kürsinger Hütte (2.548 m) in der Venedigergruppe.
Am Vortag wurde gemeinsam der Großvenediger bestiegen, am 13. August 2024 war noch eine Abschlusstour auf die Gamsspitz (2.888 m) und der Abstieg ins Tal geplant. Bereits beim Aufstieg wurde die spätere Unfallstelle, eine mit Altschnee bedeckte Randkluft, nach Prüfung der Tourenführer einzeln betreten und überquert, wobei die Schneedecke der Belastung standhielt. Der Gletscher wurde aufgeteilt in zwei Gruppen angeseilt begangen.
Beim Abstieg – wenige Meter vor dem Verlassen des Gletschers – wurden diese Seilschaften aufgelöst und nach nochmaliger Prüfung der Altschneedecke dieselbe Randkluft abermals einzeln überquert. Nachdem drei Bergsteiger – unter ihnen ein Tourenführer – die Randkluft überquert hatten, brach beim vierten Teilnehmer ein Teil der Schneedecke ein. Er stürzte 18 Meter tief ab, gefolgt von losem Geröll und größeren Felsbrocken. Einem Tourenführer – der zur Sicherheit noch ein Seil griffbereit hatte – gelang es, einer weiteren Teilnehmerin, die ebenfalls drohte in die Randkluft zu stürzen, sein Seil zuzuwerfen und sie vor einem Absturz zu bewahren.
Da weder Sicht- noch Rufkontakt zum Abgestürzten bestand, wurde ein Notruf abgesetzt und eine groß angelegte Rettungs- bzw. Bergeaktion begann. Die traumatisierten, aber unverletzten restlichen Tourenteilnehmer wurden von den eingesetzten Hubschraubern des BMI vom Unfallort ins Tal ausgeflogen und von einem Kriseninterventionsteam des Roten Kreuzes betreut.
Die Bergung des Abgestürzten gestaltete sich aufgrund der Gefahr von Steinschlag durch nachrutschende Felsbrocken sehr schwierig. Daher wurde der Landesgeologe Gerald Valentin (auch Bergführer und Sachverständiger) zur Unfallstelle eingeflogen, um die Situation zu beurteilen. In der Folge wurden die Gesteinsbrocken mit erheblichem Materialeinsatz und unter widrigen äußeren Verhältnissen mit Stahlankern, Stahlseilen und Stiften am festen Felsen verankert. Erst als die Gefahr von nachrutschendem Material auf ein vertretbares Maß verringert wurde, konnten Rettungskräfte in die Randkluft abgelassen werden. Der Abgestürzte wurde in ca. 18 Metern Tiefe aufgefunden, sein Körper war großteils mit Schnee und Geröll bedeckt und ein ca. 300 Kilogramm schwerer Felsbrocken lag auf seinem Oberkörper. Aufgrund der Auffindesituation kann davon ausgegangen werden, dass er auf der Stelle tot war.
Der Leichnam wurde um 18:30 Uhr geborgen und vom Polizeihubschrauber Libelle Salzburg (BMI) ins Tal geflogen und dem Bestatter übergeben. Die Angehörigen des Verstorbenen wurden von dessen Tod persönlich in Kenntnis gesetzt.
Die Totenbeschau wurde durch den Sprengelarzt noch am Unfalltag um 19:00 Uhr durchgeführt, worauf die Staatsanwaltschaft Salzburg den Leichnam freigab.
Abb. 3: Die Unfallstelle mit der Randkluft am Übergang vom Gletscher auf den markierten Steig. Nachdem sich die beiden Gletscherseilschaften im Abstieg am aperen Gletscher abgeseilt hatten, überquerten drei Bergsteiger – wie bereits in der Früh beim Aufstieg – einzeln das vorhandene Altschneefeld (weiß) zum markierten Steig. Beim vierten Teilnehmer brach ein Teil der Schneebrücke ein und er stürzte ca. 18 m tödlich in die Randkluft ab (Foto oben). Für die Rettungskräfte war es eine große Herausforderung, das vorhandene lose Geröll sowie Felsblöcke so zu sichern, dass der Leichnam geborgen werden konnte (Foto unten).
Fotos: Alpinpolizei
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