
Beim Skitourengehen und Variantenfahren sterben in Österreich im 10-Jahre-Mittel 16 Menschen, 12 davon sind ganz verschüttet (nicht sichtbar). Das ÖKAS hat für die Wintersaison 2023/24 erstmals ausgewertet, wovon die Überlebenschancen dieser Personen abhängen. Peter Plattner präsentiert diese Ergebnisse und fasst zusammen, was Skitourengeher und Variantenfahrerinnen tun können, um eine Ganzverschüttung am wahrscheinlichsten zu überleben.
Peter Plattner, Chefredakteur analyse:berg, ÖKAS-Expertenmitglied
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Peter Plattner
Sachverständiger für Alpinunfälle, Bergführer, Ausbilder und Fachautor, Chefredakteur analyse:berg, ÖKAS-Expertenmitglied
Peter Plattner beschäftigt sich als Sachverständiger für Alpinunfälle, Bergführer, Ausbilder und Fachautor seit 30 Jahren mit dem alpinen Notfallgeschehen. In den letzten 10 Jahren setzte er mit der Firma LO.LA Peak Solutions Risikostrategien und Ausbildungskonzepte im alpinen Raum um. Gemeinsam mit Susanna Mitterer und seinem Redaktionsteam stellt er die Auswertungen der ÖKAS-Unfalldatenbank zweimal im Jahr in der Zeitschrift analyse:berg dar und analysiert aktuelle Unfälle.
Zahlen, Daten und Fakten sind für das ÖKAS gemäß dem analyse:berg Motto „Wer nichts weiß muss alles glauben“ (Marie von Ebner-Eschenbach) wichtig. Susanna Mitterer hat für diesen Vortrag ausgewertet, wie die Überlebenschancen bei einer nicht sichtbaren Ganzverschüttung aussehen. Die meisten von euch werden dabei sofort im Kopf haben, was die letzten Jahre und Jahrzehnte publiziert wurde: dass ca. die Hälfte aller Ganzverschütteten überlebt, wobei das auch bzw. vor allem eine Frage des Schicksals sein dürfte. Ob dem wirklich so ist, schauen wir uns genauer an.
Tödliche Lawinenereignisse und Lawinentote
In der direkten Gegenüberstellung der tödlichen Lawinenereignisse und der Lawinentoten aller Disziplinen der ÖKAS-Unfalldatenbank kann man ablesen, wie oft es zu mehreren Toten bei einem Lawinenereignis kam. Im 10-Jahre-Mittel haben wir 15 tödliche Lawinenereignisse mit insgesamt 19 Toten pro Jahr.
Herkunft der Lawinentoten
Von den im Schnitt 19 Lawinentoten pro Jahr kommen 9 aus Österreich, 4 aus Deutschland, je einer aus der Tschechischen Republik und aus den Niederlanden und 3 aus anderen Ländern. Dass hauptsächlich Deutsche und Tschechen bei uns durch Lawinen ums Leben kommen, ist statistisch also nicht belegt.
Folien zu den tödlichen Lawinenereignissen und Lawinentoten sowie zur Herkunft der Lawinentoten aus dem Vortrag von Peter Plattner im Rahmen des Alpinforums 2025.
Lawinentote und Gefahrenstufen
Verschneidung Lawinentote und Gefahrenstufe im 10-Jahre-Mittel; Folie aus dem Vortrag von Peter Plattner im Rahmen des Alpinforums 2025.
Hier zeigt sich das bekannte Bild: Rund die Hälft der Lawinentoten kommen bei Gefahrenstufe 3-erheblich ums Leben. Steht in der Grafik „k.A./unbekannt“, betrifft das jene Lawinentoten, bei denen keine Gefahrenstufe ausgegeben war, z. B. bei Wanderern im Spätherbst oder Skitourengehern zu Winterbeginn bzw. -ende.
Sieht man sich bzgl. der Gefahrenstufe nur die Lawinentoten des Winters 2023/24 an, ergibt sich ein anderes Bild; Folie aus dem Vortrag von Peter Plattner im Rahmen des Alpinforums 2025.
Sieht man sich bezüglich der „tödlichsten“ Gefahrenstufe allerdings den Winter 2023/24 an, so ergibt sich ein anderes Bild als im 10-Jahre-Mittel: Hier hat es 16 Lawinentote gegeben und genau die Hälfte davon war bei Gefahrenstufe 2-mäßig zu beklagen, während es mit 3 Toten bei Gefahrenstufe 3 gleich viele gab, wie ohne ausgegebene Gefahrenstufe.
Lawinentote bei Skitour und Variante
Sieht man sich nur die Disziplinen Skitour und Variante an, dann haben wir im 10-Jahre-Mittel 16 Tote im Jahr – im Vergleich zu 19 über alle Disziplinen. Diese sind für die weitere Betrachtung hinsichtlich Ortung, Rettung und Überlebens- bzw. Todeswahrscheinlichkeit relevant.
Beteiligte im 10-Jahre-Mittel
175 Personen sind im langjährigen Mittel pro Jahr auf Skitour und Variante von einem Lawinenunfall betroffen – sie sind bei der Auslösung dabei, gehören zur Gruppe etc. 40 Personen davon sind verletzt und 16 verunglücken tödlich.
Von den insgesamt 175 Beteiligten werden 23 nicht erfasst, 116 werden erfasst und zu 34 Personen gibt es keine weiteren Angaben.
Erfasste im 10-Jahre-Mittel
Von den 116 erfassten Personen sind 67 nicht verschüttet oder ihnen gelingt die Schussflucht – d. h. das schnelle Wegfahren von der Lawine funktioniert manchmal durchaus.
50 Personen sind teilverschüttet, meint, irgendein Teil der Person – nicht zwingend der Kopf – ist sichtbar, was die Kameradenrettung positiv beeinflusst. Und 23 Personen sind nicht sichtbar ganz verschüttet, von diesen können 12 nur noch tot geborgen werden.
Beteiligte bei Lawinenunfällen auf Skitour und Variante im 10-Jahre-Mittel; Folie aus dem Vortrag von Peter Plattner im Rahmen des Alpinforums 2025.
Alle nicht sichtbar Verschütteten in den letzten 10 Jahren
In den letzten 10 Jahren gab es in Summe (nicht im Mittel) 237 nicht sichtbar verschüttete Personen. Ihre Überlebenschancen liegen bei knapp über 50 %. In der Folge befassen wir uns mit genau diesen 237 Personen, die in den letzten 10 Jahren von einer Lawine ganz verschüttet wurden.
Welche Faktoren erhöhen die Überlebenschancen?
Von den 237 nicht sichtbar verschütteten Personen haben 125 überlebt. Dabei wurden 80 % von ihren Kameraden ausgegraben und 20 % von der organisierten Rettung. Ein fast genau spiegelverkehrtes Bild zeigt sich bei den Getöteten: Von den 112 Lawinentoten wurden 24 % von ihren Kameraden geborgen und 76 % von der organisierten Rettung.
Die 125 Überlebenden wurden wenig überraschend zu 57 % durch die LVS-Suche gefunden, was wiederum auf die Kameradenrettung schließen lässt. Jene, die durch Sondieren oder einen Hund gefunden wurden, sind wahrscheinlich bzw. ziemlich sicher der organisierten Rettung zu verdanken. (Der hohe Anteil von „k.A./Sonstiges“ geht auf jene Gruppe zurück, die leicht- bzw. unverletzt ausgegraben wurden und Details nicht aufgenommen wurden.)
Bei den 112 Toten wurde ebenfalls der Großteil, nämlich 70 %, durch die LVS-Suche gefunden, immerhin 16 % durch Sondieren und 6 % von einem Hund, was wiederum zeigt, dass hier die organisierte Rettung maßgeblich beteiligt war. Bei den Toten sind zudem auch all jene dabei, die ohne LVS unterwegs waren und nur durch Sondieren oder den Hund gefunden werden konnten. Bei „k.A./Sonstiges“ sind unter anderem Recco-Erfolge enthalten, zu denen es keine eigene Kategorie in der Datenbank gibt.
Von den 237 nicht sichtbar verschütteten Personen wurden insgesamt 126 (53 %) von ihren Kameraden ausgegraben, 108 (47 %) von der organisierten Rettung. Durch die Kameradenrettung überlebten 79 % (99 von 126), durch die organisierte Rettung 21 % (27 von 126) dieser Ganzverschütteten.
Von der organisierten Rettung werden 108 Personen gefunden und ausgegraben, von denen 25 (23 %) überlebten.
Wer überlebt von den nicht sichtbar Verschütteten?
Folien aus dem Vortag von Peter Plattner im Rahmen des Alpinforums 2025.
Wird man von seinen Kameraden geortet und ausgegraben, überlebt man laut Statistik zu fast 80 %. Es scheint also doch nicht nur am Schicksal zu liegen. Wer sich auf die Kameradenrettung verlassen kann, kann seine Überlebenschancen bei einer Ganzverschüttung signifikant erhöhen.
Ziemlich gute Ideen für Skitour & Variante
… und zwar nicht nur im Führungskontext, sondern für alle, die im Freundeskreis unterwegs sind:
- LVS, Schaufel und Sonde für ALLE im freien Gelände
- Recco-Reflektor für ALLE im gesicherten und freien Gelände
- Sauberer LVS-Check
- Jeder in meiner Gruppe kann einen Notruf absetzen, die LVS-Suche, sondieren, schaufeln und Erste Hilfe nach dem xABCDE-Schema
⇒ Das bedeutet, ich bin nur mit Menschen unterwegs, von denen ich weiß, dass sie das alles können.
- Wenn wir eine Lawine auslösen, wird nur eine Person verschüttet – Voraussetzung für die Kameradenrettung ist, dass es – möglichst viele – unverschüttete Personen gibt.
⇒ Das bedeutet: gute Sammelpunkte wählen, Einzelfahren, Abstände einhalten, Exits besprechen u. s. w.
- Ich versuche alles, damit meine Atemwege frei bleiben – mehr dazu im Beitrag „Lawinenabgang in Norwegen“.
Diese Dinge kann man umsetzen, muss man aber nicht. Wenn in einer Gruppe alle eigenverantwortlich unterwegs sind, kann jeder sein persönliches Risiko wählen. Allerdings sollte das bitte vorab mit den Lieben geklärt werden, denn:
„Tot sein ist wie dumm sein. Es ist nur für die anderen schmerzhaft.“
(Ricky Gervais)
Peter Plattner während seines Vortrages im Rahmen des Alpinforums 2025.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Links & Publikationen:
- Abo Magazin analyse:berg Winter & Sommer
- Alpin-Fibelreihe des Kuratoriums
- Alpinmesse / Alpinforum 2025
- Kontakt ÖKAS:
Susanna Mitterer, Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit, Olympiastr. 39, 6020 Innsbruck, susanna.mitterer@alpinesicherheit.at, Tel. +43 512 365451-13







