
Reality check Everest im Jahr 2026, Everest by fair means vs. Everest by unfair means. Was sagt die Wissenschaft dazu?
Lukas Furtenbach, Geschäftsführer und Gründer von Furtenbach Adventures, eröffnet Block 1 des Alpinforums 2025,
in dem es vor allem um Ethik und Fairness beim Bergsteigen geht.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Lukas Furtenbach
Geschäftsführer und Gründer von Furtenbach Adventures
Lukas Furtenbach studierte Geografie in Innsbruck, arbeitete in den USA, Kanada, Mexiko und Belize und gründete 2014 Furtenbach Adventures in Österreich, 2019 Infinity Expeditions in den USA, 2020 Everest Oxygen in Österreich und Nepal und 2024 Aconcagua Oxygen in Argentinien.
„Everst – das Ende des Abenteuers?“ als Frage gestellt – ein sehr schweres Thema. Landeshauptmann Anton Mattle hat von den Bergen als Teil unserer Identität gesprochen – das kann ich zu 100 Prozent teilen. Ich trage zum Thema weiter, dass die Identität des Bergsteigens selbst aktuell vielleicht in Frage gestellt wird.
Ich traue mich sogar zu sagen, dass wir uns vielleicht gerade auf eine Identitätskrise beim Bergsteigen zubewegen.
Was passiert heute im Jahr 2026 am Everest?
Die Besteigungsstile haben sich extrem diversifiziert. Wir sehen zum Teil Profialpinisten, die sich am Everest mit Projekten verwirklichen. Wir sehen viele kommerzielle Anbieter, wir sehen Anfänger, wir sehen sehr erfahrene Bergsteiger, wir sehen Leute, die mit Sauerstoff hinauf gehen, wir sehen Leute, die sich vorakklimatisieren. Wir sehen inzwischen aber auch Leute, die Xenon und/oder Medikamente in der Akklimatisation verwenden, um ihre Besteigung einfacher oder sicherer zu machen. In Summe also eine extrem breite Diversifikation der Besteigungsstile.
Vorakklimatisation durch Hypoxiesysteme
Meines Erachtens kann man sagen, dass am Everest und generell an den 8.000ern nichts mehr so stattfindet, wie es in den Lehrbüchern steht. Das zeigt sich deutlich in der Vorakklimatisation, in der Hypoxie mit simulierter Höhe, um es einfach auszudrücken, die beim Höhenbergsteigen mittlerweile extrem etabliert ist. Es gibt kaum noch einen professionellen Höhenbergsteiger, der sie nicht verwendet. Auch die meisten Laien und Kunden von kommerziellen Expeditionen verwenden Hypoxiesysteme. Dabei ist wichtig zu bedenken, dass uns vor ein paar Jahren aus der Fachwelt noch gesagt wurde, dass es keinen wissenschaftlichen Beleg für die Funktion von Hypoxie gäbe, es keinen Beleg gäbe, dass es auch nur ansatzweise gleich gut funktionieren könnte, wie eine Akklimatisation in echter Höhe, und dass das Ganze auch sehr gefährlich sei. Inzwischen ist es absoluter Standard.
Edelgas Xenon
Stark im Kommen ist heute der Einsatz eines medizinischen Edelgases – Xenon. Das ist auch der Grund für die kontroversen Diskussionen aktuell. Das Edelgas wird in diesem Fall zur Akklimatisation verwendet. Und das nicht nur für den Everest, sondern mittlerweile auch für andere 8.000er wie den Manaslu oder den Lotse, da dadurch Besteigungszeiten von wenigen Tagen für einen 8.000er erreicht werden können.
„Xenon stellt alles auf den Kopf, was wir bisher über Höhenbergsteigen und Höhenmedizin gedacht haben und glaubten zu wissen.“
Die wissenschaftliche Erklärung hinkt aber noch ein wenig hinterher – wie so oft in der Innovation: Die praktische Anwendung passiert vor der Wissenschaft. Das führt naturgemäß immer zu Kontroversen.
Everest mit und ohne Sauerstoff
Was wir auch sehen, sind regelmäßige Versuche von Leuten, die den Everest ohne Sauerstoff besteigen wollen. Das führt leider auch regelmäßig zu Rettungsaktionen oder auch zu Todesfällen. Spricht man von Todesfällen am Everest, dann hat es seit den ersten ersthaften Besteigungsversuchen 2021 345 Tote gegeben, davon 183 beim Besteigungsversuch ohne Sauerstoff. Auf diese 183 Toten ohne Sauerstoff kommen 228 erfolgreiche Besteigungen ohne Sauerstoff. Die restlichen 162 Toten kommen auf 13.000 erfolgreiche Besteigungen mit Sauerstoff. Man kann also ableiten:
„Die Besteigung von 8.000ern ohne Sauerstoff ist nicht gesund.“
Moral, Ethik und Fairness beim Bergsteigen
Die Verwendung von Xenon
Nun kommen wir von Furtenbach Adventures und sagen, wir wollen den Mount Everest oder das Höhenbergsteigen im Allgemeinen sicherer machen, weil immer noch zu viele Menschen dort oben sterben. Michael Fries wird uns als Anästhesist und Experte für medizinische Edelgase, im Besonderen für Xenon, im folgenden Vortrag noch viel mehr über Xenon erzählen. Ich möchte hier aber kurz auflisten, was Xenon kann.
Die Punkte sind im medizinischen Kontext wissenschaftlich belegt, nicht aber im Zusammenhang mit dem Höhenbergsteigen. Das ist oft auch bei anderen Thesen oder medizinischen Anwendungen von Medikamenten und Behandlungsformen der Fall – auch hier gibt es meist keine Studien, die sich rein auf das Bergsteigen beziehen. Xenon an sich ist aber in der Medizin seit über 75 Jahren in Verwendung, gilt als die sicherste und am besten verträgliche Narkose, ist in Bezug auf Risiken und Nebenwirkungen sehr gut erforscht und ist grundsätzlich sehr sicher in der Anwendung.
- Xenon kann über die Aktivierung des HIF-1a-Signals die Ausschüttung von Erythropoetin anregen und dadurch die Bildung roter Blutkörperchen erhöhen.
- Xenon wirkt neuro-, cardio- und zellprotektiv.
- Xenon kann den arteriellen Lungendruck senken.
- Xenon kann die Leistungsfähigkeit in der Höhe erhöhen.
- Xenon kann die Zellmembran stabilisieren (Erschöpfung vorbeugen).
- Xenon senkt sympathische Aktivität des Nervensystems, wirkt positiv auf die Herzkreislaufdynamik bei Extrembelastungen.
⇒ Xenon kann die Akklimatisation verbessern und den Körper in der Höhe schützen.
Wir haben uns eigentlich nur Gutes dabei gedacht. Wir dachten uns, wenn Xenon ein Weg dazu ist, Höhenbergsteigen sicherer zu machen, dann kann daran nichts falsch sein. Unsere These war, dass Xenon aufgrund seiner Eigenschaften die Akklimatisation verbessern kann und auch, dass Xenon das Potenzial hat, den menschlichen Körper in der Höhe, also in Hypoxie – in sauerstoffarmer Umgebung –, zu schützen.
Lukas Furtenbach im Rahmen des Alpinforums 2025 vor einem sehr interessierten Publikum.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Kritik an der Verwendung von Xenon
Als wir mit Xenon an die Öffentlichkeit gingen, mussten wir sehr rasch sehr viel Kritik einstecken. Kurz zusammengefasst: Die erste Welle der Kritik war ausschlaggebend, da es das institutionelle Backing, oder sogar das teilweise wissenschaftliche Backing, war. Das löste eine sehr breite Diskussion aus, die zum Teil auch eine sehr emotionale Richtung eingeschlagen hat. Im Wesentlichen wurde gesagt, dass Xenon einerseits wirkungslos sei und gleichzeitig aber so gefährlich, dass man daran sterben könne. Außerdem wurde gesagt, dass Xenon ohnehin verboten sei und auf der WADA-Liste als Doping geführt werde (WADA = Weltantidoping-Agentur). Aus diesen Gründen müsse von einer Anwendung beim Bergsteigen abgeraten werden. Das Ganze wurde in einem offiziellen, öffentlichen Statement der UIAA Medical Commission verfasst, was eine weltweite Welle der Empörung ausgelöst hat, sowohl medial als auch in der Fachwelt und in der Bergsteigerszene, was zum Teil in vollkommen absurden Beleidigungen, Drohungen, bis hin zu Morddrohungen mündete. Man muss aber auch sagen, dass diese Fundamentalisten, die sich zu solchen Aussagen hinreißen haben lassen, durch das Statement der UIAA ein Backing hatten, dass ihnen Recht gab. Die UIAA hat in der Bergsteigerwelt natürlich ein gewisses Standing und wenn sie ein Statement herausgibt, dann schenkt man diesem auch Glauben.
Trotz der Vorgeschichte war es für mich verwunderlich, dass die Diskussion so heftig geführt und warum ich persönlich so emotional angegriffen wurde. Aus diesem Grund wollte ich mir ansehen, was schief gelaufen ist, was wir möglicherweise falsch gemacht haben. Dabei ist mir ein Kommentar mit folgendem Wortlaut ist Auge gestochen: „Der Furtenbach soll doch mal selber ohne Sauerstoff auf den Everest gehen“. Tatsächlich bin ich auf andere 8.000er ohne Sauerstoff gegangen. Ich weiß wie das ist. Aber für den Everest war mir selbst das gesundheitliche Risiko immer zu hoch. Im Kommentar weiter zu lesen: „Der Sauerstoff, den Furtenbach bei seinen Expeditionen verwendet, dopt den Berg runter auf einen 7.000er.“
Was ist fair, was unfair?
Dieser Kommentar brachte mich zu einer interessanten Frage – nämlich, was ist beim Höhenbergsteigen fair und was unfair? Wir wissen heute sehr gut über die atmosphärisch bedingte Sauerstoffverfügbarkeit auf dem Gipfel des Mount Everest Bescheid. Wir wissen, dass die gefühlte Höhe für den Körper in Bezug auf die Sauerstoffverfügbarkeit in Abhängigkeit von atmosphärischen Bedingungen schwankt. Was wir auch wissen ist, dass alle bisherigen erfolgreichen Besteigungen ohne Sauersterstoff – und erfolgreich sind all jene Bergsteigungen, die nicht abgebrochen wurden und bei denen die Bergsteiger nicht verstarben – an ihrem Gipfeltag günstigere atmosphärische Bedingungen als im Durchschnitt hatten. Das heißt übersetzt, dass der Gipfel an diesen Tagen niedriger war, als er wirklich ist – aufgrund der Sauerstoffverfügbarkeit. Das heißt aber weiter auch, dass nicht ein besonderes Talent, eine besondere Genetik, besonders viel Mut, besonders viel Risikobereitschaft oder ein besonders hartes Training der Grund war, warum 228 dieser Versuche ohne Sauerstoff erfolgreich waren. Es heißt, dass es reiner Zufall und Glück war. Das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen. Was anderes kann es nicht gewesen sein, denn damals wusste man noch nichts von den Schwankungen der Sauerstoffverfügbarkeit. Und dabei reden wir nicht von Schwankungen von wenigen Metern, sondern von einer Schwankungsbreite von 1.000 vertikalen Metern. D. h. der Mount Everest kann 1.000 Meter höher oder niedriger sein. Es gibt Tage, an denen der Mount Everest für den Menschen absolut nicht besteigbar ist – das sind dann vermutlich jene Tage, an denen diese Leute gescheitert oder gestorben sind – und es gibt Tage, an denen der Mount Everest eine Höhe hat, die für den menschlichen Körper sehr gut schaffbar ist. Das waren dann jene Tage, an denen die 228 Personen erfolgreich waren. Das müssen wir als Realität akzeptieren. Das verändert in Zukunft viel.
Es gibt Tage, an denen der Mount Everest für den Menschen absolut nicht besteigbar ist und es gibt Tage, an denen der Mount Everest eine Höhe hat, die für den menschlichen Körper sehr gut schaffbar ist.
Mit diesem Wissen über die Sauerstoffverfügbarkeit – wir haben sogar die Prognosemöglichkeit – kann ich mir für meinen Besteigungsversuch ohne Sauerstoff einen Gipfeltag aussuchen, der besonders günstige Bedingungen aufweist. Ist das dann noch fair? Ist es fairer als mit Sauerstoff zu gehen? Wenn ja, warum? Ich finde darauf keine Antwort.
Ein anderes Beispiel: Wenn ich ohne Sauerstoff auf den Everest gehen möchte, ist es dann fair, wenn ich das im Nahbereich der Infrastruktur kommerzieller Anbieter mache? Ist es fair, wenn ich im Notfall oder wenn ich es nicht mehr schaffe, auf die Rettungskette der kommerziellen Anbieter zurückgreifen kann? Oder sagen wir, „Bergsteigen muss Abenteuer sein“ und Abenteuer ist es dann, wenn man dabei sterben kann, wie prominente Bergsteiger es definiert haben? Abenteuer ist es bei voller Exponiertheit. Muss ich also meinen Versuch, den Berg ohne Sauerstoff zu besteigen, auf einer Seite des Berges machen, wo ich die Rettungsstruktur nicht habe und wenn etwas schief geht in letzter Konsequenz alleine dort sterben werde?
Stil, Ethik und Moral beim Bergsteigen
Kommt man zurück auf die Diskussion, welche das Projekt Everest in sieben Tagen mit Xenon ausgelöst hat, und wir über Stil, Ethik und Moral beim Bergsteigen diskutieren, muss man sich immer wieder in Erinnerung rufen, dass es letztendlich ja wirklich nur um Bergsteigen geht. Woher also kommt diese Schwere der Begriffe? Niemand spricht über Moral beim Indoor-Frisbee oder Pilates oder Nordic-Walking. Warum müssen wir über Stile diskutieren?
Zum Teil kommt es wohl daher, dass wir im Bergsport ein sehr starkes, traditionell gewachsenes Schwarz-Weiß-Denken haben. Wir bewerten andere, wir teilen ein in Alpinismus und Tourismus, in fair und unfair, in gut und böse.
Projekt Everest – Die Tatsachen
Beim Projekt Everest ging es darum, in weniger als sieben Tage eine Gruppe von Bergsteigern von London auf den Gipfel des Mount Everest und wieder zurück zu bringen. Das ist gelungen. Und hat letztendlich auch zur globalen Diskussion über Ethik und Moral im Bergsteigen und über Stilfragen geführt. Eine Diskussion, die teilweise ein wenig aus dem Ruder gelaufen ist. Das Alpinforum gibt mir die Möglichkeit, einige dieser falschen Abzweigungen richtig zu stellen:
Sprachliche Unschärfen, Fehlinformation, teilweise Falschinformation
Um Missverständnisse aufzuklären, zeige ich ein paar KI-generierte Bilder, die es also nicht wirklich gibt, mit den dazugehörenden Meldungen, die es sehr wohl gibt:
Aus dem Vortrag von Lukas Furtenbach: KI-generiertes Bild eines Bergsteigers, der Xenon in Kathmandu verabreicht bekommt.
Quelle: Furtenbach Adventures
Xenonbehandlung in Kathmandu
Diese Aussage ist besonders häufig in den Medien herumgegeistert, bis dahin, dass man mich in das Ministerium in Kathmandu zu einer Vorsprache zitiert hat, weil wir ein in Nepal nicht zulässiges Gas verwendet hätten. Das hat nie stattgefunden. Das alles basiert auf einem falschen Zeitungsartikel der Financial Times.
Aus dem Vortrag von Lukas Furtenbach: KI-generiertes Bild eines Bergsteigers, der Xenon direkt am Berg inhaliert.
Quelle: Furtenbach Adventures
Mittels der „für Bergsteiger empfohlenen Dosis Xenon“ sedierter Bergsteiger am Berg
Diese Medienmitteilung kommt aus dem UIAA-Statement von Xenon. Die UIAA sagt, es gibt keine Daten, keine Erfahrungen mit Xenon, aber sie kennt offenbar eine geheime Dosierung von Xenon für Bergsteiger. Sie spricht auch davon, dass Xenon während des Bergsteigens verwendet wurde und es natürlich gefährlich ist, wenn man sediert Bergsteigen gehen würde. Dieses Statement der UIAA erschien 11 Tage nach der Veröffentlichung des oben genannten Zeitungsartikels. Und der Zeitungsartikel war auch die einzige Informationsquelle für das Statement. Bis heute – immerhin 10 Monate später – hat niemand von der UIAA mit uns gesprochen, um zu erfahren, was wir bei dem Projekt überhaupt gemacht haben, wie Xenon dort angewendet wurde. Und bis heute hat es auch niemand für nötig gehalten, irgendetwas an diesem Statement zu korrigieren. Nach wie vor steht das Statement so auf der Seite der UIAA.
Diese 11 Tages sind auch insofern bemerkenswert, weil die UIAA es in mehreren Jahrzehnten bis heute nicht geschafft hat, auch nur eine einzige Warnung herauszugeben, wie gefährlich die Besteigung eines 8.000ers ohne Sauerstoff ist. Obwohl mehrere Menschen jedes Jahr aus diesem Grund sterben und in Summe schon mehrere 100 Menschen, wenn nicht sogar 1.000 Menschen, daran gestorben sind.
Aus dem Vortrag von Lukas Furtenbach: KI-generiertes Bild eines WADA-Kontrolleurs im Basecamp.
Quelle: Furtenbach Adventures
WADA-Kontrolleure im Everest-Basecamp
Auch hierzu gibt es eine Medienmitteilung dahingehend, dass Xenon verboten wäre. Es ist nicht verboten. Es ist ein medizinisch zugelassenes Gas. Darauf geht auch eines der Probleme der ganzen Diskussion zurück: Es wurde suggeriert, dass wir etwas Verbotenes oder Gefährliches machen. Nicht zugelassen ist es aber natürlich im organisierten Wettkampfsport, weil es auf der WADA-Liste der verbotenen Substanzen für Wettkampfsport steht.
Aus dem Vortrag von Lukas Furtenbach: KI-generiertes Bild eines WADA-Kontrolleurs im Basecamp.
Quelle: Furtenbach Adventures
Einsatz vom Helium zur Unterstützung von Bergsteigern,
der ein ethisches Dilemma im modernen Alpinismus darstellt. Auch das findet natürlich nicht statt.
Der faktische Teil ist also relativ einfach darzustellen und jeder, der hier falsche Dinge publiziert hat, kann das richtig stellen und die Sache ist erledigt.
Identitätskrise des Bergsteigens
Viel massiver ist aber der große Block der emotionalen Seite. Hier kommen wir auf die Identitätskrise des Bergsteigens zurück. Bergsteigen an sich ist – würde ich behaupten – wenig sinnvoll, ist sehr egoistisch und bringt der Gesellschaft sehr wenig. Das soll nicht heißen, dass es nicht toll und schön sein kann, ich bin selbst ein leidenschaftlicher Bergsteiger. Aber wirklich wichtig für die Gesellschaft oder für den Planeten ist es nicht. Bergsteigen braucht aber irgendeine Identität. Sehr lange und sehr stark wurde das Bergsteigen mit Heldentum aufgeladen, wobei sehr viel – ob wir es akzeptieren wollen oder nicht – aus der NS-Zeit kommt. Mit Kameradschaft, mit Glorifizierung des Bergtodes – bis hin zum Zitat „Tod oder Ehre“ aus einer Deutschen Nanga Parbat Expedition von 1934. Sehr viel davon hat sich bis heute gehalten. Noch immer glorifizieren wir sehr gefährliches Bergsteigen. Dazu muss man sich nur die Preise ansehen, etwa von der Paul-Preuß-Stiftung, wo besonders gefährliches Bergsteigen ausgezeichnet wird. Wenn dann jemand stirbt, und es sterben sehr viele bei diesem besonders gefährlichem Bergsteigen, dann geht immer ein großes Raunen durch die Menge, weil „wieder ein junger, talentierter Bergsteiger sein Leben verloren hat“. Aber daran gibt es nichts zu glorifizieren. Der Bergtod ist die ultimative Konsequenz einer Fehlentscheidung. Das muss man unemotional sehen. Vermutlich hat jeder hier im Saal in seinem Freundes- oder Bekanntenkreis jemanden bei einem Alpinunfall verloren. Das ist etwas sehr Besonderes, etwas, das man sonst nur aus Kriegsszenarien kennt.
„Der Tot ist ein fundamentaler Bestandteil des Bergsteigens.Der Tot darf aber nie bedeutungslos sein.“
Das heißt, wir müssen dem Bergsteigen irgendeine Bedeutung geben. Aktuell sehe ich aber sehr wenig, was wir dem Bergsteigen tatsächlich an Bedeutung geben. Nur das Risiko, sprich es muss gefährlich sein, ist mir definitiv zu wenig. Auch der Argumentation „mein Bergsteigen ist gut, weil mein Stil besser ist als deiner“ kann ich nicht folgen.
Vielleicht ist aber gerade die Suche nach der Identität des Bergsteigens der Schlüssel für alles. Vielleicht liegt die eigentliche Identität darin, dass jeder selbst seinem Bergsteigen, seinem Stil, eine Bedeutung geben muss und kann. In dem Moment, wo wir das akzeptieren, könnten wir uns auch von Stil- und Ethik-Diskussionen verabschieden, weil wir unseren Stil nur noch vor uns selbst rechtfertigen müssten. Dann gäbe es keine moralische Instanz mehr, die in gut oder schlecht einteilt oder ein moralisches Ranking vergibt.
Fazit
Ist der Everest im Jahr 2026 das Ende des Abenteuers? Für unsere Kunden, wenn sie es so machen wie der Spitzenalpinist, ja. Und zwar im wörtlichen Sinne, denn dann würden sie dabei versterben. Ist das eine besser oder schlechter als das andere? Nein! Definitiv nicht – das eine ist gefährlicher als das andere.
Zurück zu unserem Projekt „Mission Everest“: Die vier Briten, die das durchgeführt haben, haben daraus ein Charity-Projekt gemacht. Sie haben eine Million Britische Pfund für Waisenkinder von gefallenen Britischen Soldaten gesammelt. Wir haben es als ein Projekt umgesetzt, welches das Bergsteigen sicherer, umweltfreundlicher, ressourcenschonender machen soll und das Ganze noch für einen guten Zweck. An diesem Stil ist ethisch oder moralisch nichts auszusetzen. Trotzdem führte es zu einer globalen, sehr emotional geführten Diskussion, die das Dilemma des Bergsteigens aufzeigte. Die vier Briten haben aber alles richtig gemacht. Wir hatten viel Spaß, es war ein riesen Erfolg. Letztendlich sind sie in 6 Tagen und 13 Stunden von London auf den Gipfel des Everest und wieder zurück gekommen.
Der folgende Trailer von Furtenbach Adventures zeigt Ausschnitte aus dem erfolgreichen Projekt:
⇒
In der Sommer-Ausgabe 2025 des Fachmagazins analyse:berg finden Sie ein umfangreiches Interview mit Lukas Furtenbach. Ausführlich erklärt er, wie sich kommerzielle Anbieter am Everest verändert haben, was das Alleinstellungsmerkmal von Furtenbach Adventures ist und wie die 7-Tage-Everest Expedition im Detail ablief.
Das Interview ist zudem als Blogbeitrag für Mitglieder des ÖKAS oder des Alpenvereins Austria auf alpinesicherheit.at verfügbar.
Links & Publikationen:
- Abo Magazin analyse:berg Winter & Sommer
- Alpin-Fibelreihe des Kuratoriums
- Alpinmesse / Alpinforum 2025
- Kontakt ÖKAS:
Susanna Mitterer, Österreichisches Kuratorium für Alpine Sicherheit, Olympiastr. 39, 6020 Innsbruck, susanna.mitterer@alpinesicherheit.at, Tel. +43 512 365451-13



