
Gefangen zwischen Kommerz und Werten
Der Gebrauch und Missbrauch von Medikamenten scheint im Bergsport zuzunehmen. Gesundheitliche Aspekte werden wegen persönlicher oder kommerzieller Interessen in den Hintergrund gestellt. Was sagt die international anerkannte Literatur zum Thema, wie können wir als Bergsteiger damit umgehen?
Urs Hefti, Präsident der Medizinischen Kommission der UIAA
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
Urs Hefti
Präsident der Medizinischen Kommission der UIAA
Urs Hefti, Dr. med., ist Unfallchirurg und Orthopäde, Sportmediziner, Leiter der Swiss Sportclinic in Bern, Präsident der Medizinischen Kommission der UIAA und Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für Gebirgsmedizin. Er hat vier große wissenschaftliche Forschungsexpeditionen (Shisha Pangma, Muztagh Ata, Pik Lenin, Himlung Himal) geleitet und mehrere hohe Berge bestiegen, darunter den 8.046 m hohen Shisha Pangma. 1998 arbeitete er bei der Himalayan Rescue Association (HRA) in Pheriche, Nepal, und war zehn Jahre lang Notarzt für die Schweizerische Luftrettung REGA. Seit über 20 Jahren leitet er den Kurs „Wilderness and Expedition Medicine” in den Schweizer Alpen.
Wir von der UIAA glauben, es braucht keine Medikamente beim Bergsport. Ich habe die Gelegenheit genutzt und meinen Vorredner Philipp Brugger gefragt, ob er für seine Leistungen Medikamente gebraucht hat. Die Antwort war nein.
Dennoch wird immer wieder angenommen – eventuell auch von den Medien hochgespielt -, dass man nur noch gedopt auf einen hohen Berg kommt. Wenn dem so ist, welche Mittel werden konsumiert?
Medikamente am Berg
Amphetamine
Die Geschichte zeigt, dass auch sehr bekannte und von mir sehr geschätzte Bergsteiger gelegentlich zu Medikamenten griffen. Vor allem Amphetamine wurden lange Zeit sehr intensiv genutzt, im Besonderen in den Nachkriegsjahren. Eine Studie aus dem Jahr 1993 (Amphetamine doping in leisure-time montain-climbing at a medium altitude in the Alps, Schweiz Z Sportmed, 1993, Sep.) zeigt, dass zu dieser Zeit bei der Besteigung von 3.000ern in den Alpen immer noch sehr viele Amphetamine eingenommen wurden. Allerdings kann nicht genau nachvollzogen werden, wie und was genau die Studie untersucht hat. Heute jedenfalls kann man sagen, dass die Einnahme von Amphetaminen kein Problem mehr darstellt, auch nicht am Everest oder anderen hohen Bergen. Es gibt keine Hinweise, dass dem so ist.
Triple D: Dexamethason, Dextroamphetamin und Diamox
Es gibt auch sehr viel „anekdotische Evidenz“ über das „Triple D“, bestehend aus Dexamethason, Dextroamphetamin und Diamox. Aber es gibt keine Literatur, die belegt, dass das wirklich so eingenommen wird oder wurde.
Wenn man in die neuere Literatur blickt, etwa auf eine Veröffentlichung von Dr. Schöffl, der lange Arzt der Deutschen Nationalmannschaft Sportklettern war, wird ersichtlich, dass es beim Thema Sportklettern nicht einmal eine Untersuchung gibt, ob hier gedopt wird oder nicht. Für andere neue olympische Sportarten wie Baseball oder Karate gibt es solche Untersuchungen sehr wohl.
Medikamentengebrauch in Nepal
Eine etwas ältere Studie aus Nepal zeigt, dass ca. 1/3 aller Menschen, die hier unterwegs sind, Medikamente einnehmen. Speziell für den Everest gibt es auch eine Untersuchung, wobei diese einen kleinen Hacken hat: Die Leute wurden befragt, ob sie mitmachen und Auskunft geben wollen. Es haben nicht alle Auskunft gegeben und man könnte mutmaßen, dass diese 15 bis 20 Prozent vielleicht doch Medikamente nehmen. Die Auswertung der anderen zeigt, dass das am häufigsten eingenommene Medikament Diamox zur Akklimatisationsunterstützung ist. Interessant bei dieser Studie war zudem, dass die Befragten den Einsatz von Medikamenten zur Besteigung des Everest relativ unkritisch sahen – weder auf der ethisch-moralischen Ebene noch auf der gesundheitlichen.
Medikamentengebrauch in den Alpen
Eine sehr viel zitierte Studie wurde in Frankreich durchgeführt. Hierzu hat man auf Hütten am Mont Blanc (Goûter Hütte, 3.845 m, Cosmiques Hütte, 3.615 m) den Urin der männlichen Gäste untersucht, ohne den Leuten dies vorher mitzuteilen. In der Schweiz wäre es nicht möglich, Menschen zu untersuchen, die vorab nicht entsprechend informiert werden. Man hat viele Substanzen gefunden, nicht aber Schmerzmittel. Das Ergebnis belegte, dass 1/3 der Personen primär Diamox genommen haben. Spannend waren zudem die Ergebnisse zu Schlafmitteln, wobei die Einnahme eines Schlafmittels bei der Übernachtung auf einer Hütte wie der Cosmique Hütte auf 3.615 Metern durchaus nachvollziehbar ist.
Auf diesen hoch liegenden Hütten am Mont Blanc werden die breit abgestützten Akklimatisationsregeln meist nicht eingehalten. Man könnte sagen, Diamox wird hier als Therapie der akuten Höhenkrankheit eingesetzt – also kann man es in irgendeiner Form akzeptieren.
Folien zum Medikamentenmissbrauch aus dem Vortrag von Urs Hefti im Rahmen des Alpinforums 2025.
Aus einer Medienmitteilung aus der Schweiz aus dem Jahr 2024 ist zu entnehmen, dass der Medikamentenkonsum in der Schweiz massiv steigt. Im Vergleich dazu erscheint mir das eine Drittel, welches auf den Hütten am Mont Blanc, Diamox konsumiert, nicht besonders dramatisch.
Doping im Bergsport
Natürlich ist der Medikamentenmissbrauch im Sport weit verbreitet. Hier kommt die WADA, die internationale Anti-Doping Kommission, ins Spiel. Diese betont aber auch, dass der Medikamentenmissbrauch nicht nur im Wettkampsport problematisch ist, sondern auch im Freizeitsport ein hohes Gefährdungspotenzial für die Gesundheit darstellt. Und das gilt daher für alle Sportarten, die wir betreiben.
Für Doping braucht es immer zwei – den Athleten und den Arzt. Wir als Ärzte können den Menschen nicht einfach irgendwelche Medikamente geben, die nicht korrekt untersucht sind. Von Herrn Dr. Fries haben wir gehört, dass das Narkose-Gas Xenon gut untersucht wurde. Das ist korrekt – um Narkosen zu machen. Aber es gibt keine Publikation, die zeigt, dass Xenon einen Nutzen hat, um leichter auf einen hohen Berg zu steigen. Herr Dr. Fries konnte uns dazu keine Publikation vorlegen.
Warum werden diverse Substanzen beim Bergsteigen eingenommen?
Es gibt viele Gründe, warum Menschen beim Bergsteigen Medikamente einnehmen. Sie dienen der Therapie der Höhenkrankheit, sollen Schlafprobleme beheben oder die Leistungsfähigkeit steigern. Daneben gibt es weitere individuelle oder auch kommerzielle Interessen.
Leistungsabfall in der Höhe
Entscheidend beim Höhenbergsteigen ist der abnehmende Luft- und Sauerstoffpartialdruck. Der Körper hat letztendlich zu wenig Sauerstoff zur Verfügung. Es gibt viele physiologische Anpassungen, u. a. wird die EPO-Ausschüttung erhöht. Wenn man sich aber akut exponiert, treten eine ganze Reihe von Problemen auf, die schnell lebensbedrohlich werden können. Auch wenn man sich langsam akklimatisiert, treten Höhenkrankheiten auf und es kann eine schwere Leistungslimitierung eintreten.
Beim Höhenbergsteigen sinkt die Leistungsfähigkeit mit der Höhe immer dramatisch. Eine Studie von Burtscher, 2022, zeigt, dass pro 1.000 Höhenmeter unsere Leistungsfähigkeit zwischen 6 und 8 Prozent abnimmt. Auf 1.000 Metern schafft man normalerweise 400 Höhenmeter pro Stunde. Auf 5.000 Höhenmetern schafft man dann aber nur noch 160 Höhenmeter pro Stunde.
Problemlöser Sauerstoff
Der Schlüssel des Problems Leistungsabfall ist Sauerstoff. Zu diesem Thema gibt es zahlreiche gute Studien: Wenn man Sauerstoff nimmt, sinkt die effektive Höhe, in der man unterwegs ist.
Folien zur Relevanz von Sauerstoff beim Höhenbergsteigen aus dem Vortrag von Urs Hefti im Rahmen des Alpinforums 2025.
Im Vergleich zu Sauerstoff sind eigentlich alle anderen Medikamente irrelevant. Dazu gibt es auch einen Beweis, der leider etwas untergegangen ist: Am 19. Mai 2025 erreichte Andrew Ushakov den Gipfel des Mount Everest von New York ausgehend in 3 Tagen, 23 Stunden und 7 Minuten und war damit noch schneller als die Furtenbach-Gruppe. Sein Rezept: nur Sauerstoff. Er beschreibt detailliert, wie er das geschafft hat und er gibt auch noch ein Statement ab: Er glaubt, man sollte sich an die Regeln halten und deklariert klar, dass er sehr viel Flaschensauerstoff genutzt hat.
Wir von der UIAA haben schon 2014 über die Vor- und Nachteile von Medikamenten am Berg Auskunft gegeben. In der medizinischen Kommission der UIAA versuchen wir nicht zu werten, aber bereits in diesem Paper ist nachzulesen, dass wir nicht raten, hohe Berge ohne Sauerstoff zu besteigen. In diesem Punkt stimme ich Lukas Furtenbach zu, hohe Berge sind ohne Sauerstoff extrem gefährlich zu besteigen. Ich denke, vor allem die kommerziellen Anbieter wie Furtenbach Adventures haben dazu beigetragen, dass das Höhenbergsteigen – im Besonderen am Everest – sicherer geworden ist.
Fazit
Es braucht keine Medikamente im Bergsport, um die hohen Ziele zu erreichen.
Wir machen diese Arbeit freiwillig, versuchen den Bergsport sicherer zu machen und haben keinerlei kommerzielle Interessen. Ich denke, Xenon wird wieder verschwinden, wie es gekommen ist.
Urs Hefti ist klar für ein Bergsteigen ohne Medikamente.
Foto: Chris Riefenberg, chrisriefenberg.com
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