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Abb.2: Hochtourenunfall-Niederer-Dachstein-kartenansicht-analyse-berg-sommer-26

Unfallbericht der Alpinpolizei

18. September 2026

Dieser Beitrag dient als Ergänzung zu den statistischen Auswertungen der Hochtourenunfälle im Fachmagazin analyse:berg Nr. 31, Sommer 2026.
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Niederer Dachstein, 2.934 m | Südgrat, IV+ | 29. Juni 2025

Ein Alpinkurs am Dachstein endet mit einem tödlichen Absturz: Am 29. Juni 2025 stürzte ein Bergsteiger am Südgrat des Niederen Dachsteins aus rund 70 bis 80 Metern Höhe bis auf den Gletscher ab. Zum Unfallzeitpunkt befand er sich ungesichert oberhalb seiner beiden Kursteilnehmenden. Das Gelände war zunächst leicht, steilte jedoch oberhalb der Hohen Dachsteinscharte deutlich auf und erreichte Schwierigkeiten bis UIAA IV bis IV+. Die genaue Ursache des Absturzes konnte nicht geklärt werden.
Der Unfall ereignete sich gegen 10:02 Uhr auf einer Seehöhe von etwa 2.900 Metern oberhalb der Hohen Dachsteinscharte. Die Route „Niederer Dachstein Südgrat“ wird im Polizeibericht mit UIAA IV+ angegeben.

Ausgangssituation

Eine aus insgesamt neun Personen bestehende Gruppe führte von 26. bis 30. Juni 2025 einen Alpinkurs auf der Simonyhütte auf 2.205 Metern durch. Der Kurs war von einem Alpenverein organisiert und wurde von einem Zivilbergführer sowie einem weiteren Kursleiter mit der Qualifikation „Bergsteigerinstruktor“ geleitet.
Am 26. Juni fuhr die Gruppe mit der Dachstein-Hunerkogel-Seilbahn auf den Gletscher und stieg anschließend über den Hallstätter Gletscher zur Simonyhütte ab.
Aufgrund zunächst schlechten und teilweise regnerischen Wetters übte die Gruppe in der überdachten Kletterhalle bei der Simonyhütte. Am Samstag, dem 28. Juni, wurde im Fels rund um die Hütte geklettert.

Abb.1: Hochtourenunfall-Niederer-Dachstein-analyse-berg-sommer-26

↑ Am 29. Juni 2025 stieg der Ausbilder eines ungarischen Alpenvereins („Bergsteigerinstruktor“) mit zwei Teilnehmenden in den Niederen Dachstein (2.934 m) Südgrat (UIAA IV+) ein. Gegen 10:02 Uhr kletterte er ungesichert oberhalb des ersten Standplatzes, als er aus ungeklärter Ursache ca. 70 bis 80 m tief tödlich auf den Gletscher abstürzte. Blauer Pfeil: Bergstation Dachstein-Hunerkogel-Seilbahn (2.687 m). Schwarzer Pfeil: Simonyhütte (2.205 m).
Datenquelle: basemap.at

Abb.2: Hochtourenunfall-Niederer-Dachstein-kartenansicht-analyse-berg-sommer-26 Abb.3: Hochtourenunfall-Niederer-Dachstein-orthofoto-analyse-berg-sommer-26

↑ Die Unfallstelle im Datei - links in der Kartenansicht, rechts als Orthofoto
Datenquelle: basemap.at

Aufteilung der Gruppe

Am Sonntag, dem 29. Juni 2025, teilte sich die Gruppe in drei Kleingruppen.
Der Zivilbergführer startete gegen 09:00 Uhr gemeinsam mit einem Teilnehmer in die Route „Niederer Dachstein Ostgrat“.
Der zweite Kursleiter machte sich mit zwei Kursteilnehmenden zum „Niederen Dachstein Südgrat“ auf. Die Einstiege der beiden Routen befinden sich laut Polizeibericht auf etwa 2.800 Metern Seehöhe und liegen ungefähr 300 Meter voneinander entfernt. Da sie zudem „um ein Eck“ voneinander getrennt sind, bestand zwischen den beiden Gruppen weder Sicht- noch Rufkontakt.

Unfallhergang

Einer der beiden Kursteilnehmenden kletterte als Vorsteiger die erste Seillänge des Südgrats bis zum Standplatz im Bereich der Hohen Dachsteinscharte. Anschließend sicherte er die zweite Person vom Standplatz aus nach.
Der Kursleiter stieg währenddessen ohne Seilsicherung über das zunächst leichtere Gelände voraus. Dieser Abschnitt wird in der im Bericht angeführten Führerliteratur mit etwa UIAA I bis II bewertet.
Während die zweite Person ungefähr die Hälfte der ersten Seillänge geklettert war, befand sich der Kursleiter bereits rund 20 Meter oberhalb des Standplatzes.
Oberhalb der Hohen Dachsteinscharte verändert sich der Charakter der Route deutlich: Der Fels steilt auf und die Schwierigkeiten nehmen laut Führerliteratur auf UIAA IV bis IV+ zu.
In diesem Bereich befand sich der Kursleiter bereits etwa 70 bis 80 Meter über dem Gletscherboden.
Aus ungeklärter Ursache verlor er den Halt. Die beiden Kursteilnehmenden hörten einen lauten Schrei. Der Bergsteiger stürzte ab, schlug gemeinsam mit einigen Steinen knapp unterhalb des Standplatzes auf einem Felsband auf und stürzte anschließend weiter bis auf den Gletscher.

Dort blieb er um 10:02 Uhr reglos liegen.

↑ Der Südgrat auf den Niederen Dachstein mit der vermuteten Absturzstelle und Sturzbahn, sowie dem ersten Standplatz (schwarzer Pfeil). Dort sicherte der Vorsteiger der nachfolgenden Seilschaft gerade den Nachsteiger nach, als ihr ungesichert vorauskletternder Ausbilder aus ungeklärter Ursache tödlich abstürzte. Die rechts eingezeichnete Route ist der obere Teil des Ostgrates, an dem gleichzeitig ein weiterer Teilnehmer des selben Ausbildungskurses mit einem Bergführer unterwegs war.
Topo aus dem Kletterführer: Kletterarena Dachstein West & Süd - Über 400 der besten Kletterrouten, Klaus Hoi/Kurt Schall/Andreas Fischbacher/Michael Gruber/Hans Gapp, 2. Auflage 2019, Schall-Verlag

↑ Der vermutete Absturzbereich und die ca. Sturzlinie des Ausbilders, der sich am Südgrat ungesichert ca. 20 m oberhalb des ersten Standplatzes befand, wo sich die Route aufsteilt und schwieriger wird (UIAA IV).
Foto: Alpinpolizei, redaktionell bearbeitet

Sofortige Hilfe und Notruf

Eine fünfköpfige Bergsteigergruppe, die sich zu diesem Zeitpunkt vom Gletscher in Richtung Dachstein-Schulteranstieg bewegte, konnte den Absturz beobachten beziehungsweise hören.
Die Mitglieder dieser Gruppe begaben sich unmittelbar zur Unfallstelle und begannen wenige Minuten später mit der Ersten Hilfe.
Um 10:04 Uhr, nur zwei Minuten nach dem Absturz, setzte eine der beiden Personen aus der Kletterroute über den Euronotruf 112 einen Notruf ab.
Die beiden Kursteilnehmenden seilten sich anschließend zum Gletscherboden ab und verständigten auch die zweite Seilschaft des Kurses.

Rettungseinsatz

Die Besatzung des alarmierten Notarzthubschraubers setzte die bereits laufenden Reanimationsmaßnahmen fort.
Trotz der unmittelbar begonnenen Ersten Hilfe konnte der Notarzt um 10:55 Uhr nur noch den Tod des Verunfallten feststellen. Als Verletzung wird im Polizeibericht ein Polytrauma angegeben.
Die vom Unfall unmittelbar betroffenen Gruppenmitglieder standen unter erheblichem psychischem Eindruck. Sie wurden mit dem Polizeihubschrauber zur Simonyhütte geflogen, wo der Kurs abgebrochen wurde.
Gegen 14:30 Uhr wurden die acht verbliebenen Mitglieder der Gruppe zur Bergstation der Hunerkogel-Seilbahn geflogen und gelangten von dort ins Tal.
Im Einsatz standen drei Beamte der Alpinen Einsatzgruppe Gmunden, die Besatzung des Notarzthubschraubers Christophorus 14, die Crew des Polizeihubschraubers Libelle Yankee sowie zehn Mitglieder des Bergrettungsdienstes Hallstatt in Bereitschaft.

Bedingungen zum Unfallzeitpunkt

Die Wetterbedingungen waren zum Unfallzeitpunkt günstig. Im Polizeibericht werden Tageslicht, Sonnenschein, kaum Bewölkung und schwacher Wind angegeben.
Die Temperaturanzeige im Hubschrauber zeigte etwa 9 °C. Eine Alkoholisierung lag nicht vor. Bei der Untersuchung wurde eine angepasste und hochwertige Kletter- beziehungsweise Hochtourenausrüstung festgestellt.
Damit ergeben sich aus dem Bericht keine Hinweise darauf, dass ungünstige Witterung, mangelhafte Ausrüstung oder Alkoholeinfluss zum Unfall beigetragen hätten.

Sicherungssituation

Die Route „Niederer Dachstein Südgrat“ ist laut Polizeibericht sehr gut mit Bohrhaken abgesichert.
Der voraussteigende Kursleiter hatte die Entscheidung, diesen Abschnitt ohne Seilsicherung zu klettern, selbst getroffen. Von den anderen Beteiligten wurde er als sehr guter und solider Kletterer beziehungsweise Alpinist beschrieben. An den vorangegangenen Tagen hatte er sich dort, wo eine Sicherung notwendig oder üblich war, mit einem Seil gesichert.
Die beiden Kursteilnehmenden hinterfragten das ungesicherte Voraussteigen nach ihren Angaben nicht. Sie vertrauten auf die Kompetenz und das Können ihres Ausbilders. Die zweite Seilschaft hatte aufgrund der räumlichen Trennung keinen Sicht- oder Rufkontakt und bemerkte den Unfall zunächst nicht.

Absturzursache bleibt ungeklärt

Entscheidend ist für die Einordnung des Unfalls, dass niemand den eigentlichen Moment des Haltverlusts beobachten konnte.

Mehrere Zeugen sahen beziehungsweise hörten zwar den anschließenden Absturz und das mehrfache Aufschlagen, die konkrete Ursache für den Sturz konnte jedoch nicht festgestellt werden.
Im Polizeibericht werden ein überraschendes Ausbrechen eines Trittes oder Griffes, Steinschlag oder ein anderer Fehler lediglich als denkbare Möglichkeiten angeführt. Gleichzeitig wird ausdrücklich festgehalten, dass dies rein hypothetisch ist.
Eine eindeutige Absturzursache konnte nicht ermittelt werden. Hinweise auf Fremdverschulden ergaben sich nicht.

Fazit: Erkenntnisse aus dem Unfallgeschehen

  • Das persönliche Risiko am Berg ergibt sich immer aus der Eintrittswahrscheinlichkeit und dem Schadensausmaß. Im konkreten Fall beim Klettern: Wie wahrscheinlich ist es, dass ich stürze, und was sind die Konsequenzen meines Sturzes.
    Dass die Folgen eines Absturzes ohne Seilsicherung schnell mit schwersten Verletzungen oder dem Tod enden können, ist klar. Doch primär auch der Vorsteiger einer Seilschaft riskiert v.a. im leichteren Felsgelände bei einem Sturz u.U. den Aufprall auf den Felsen, ein Band, Köpfl, o.ä., bevor er vom Seil gehalten wird. Entsprechend wird er Zwischensicherungen einhängen bzw. legen, um die Sturzhöhe zu reduzieren. Ein Komplettabsturz bis zum Einstieg wird bei einem verlässlichem Standplatz und korrekter Sicherungstechnik i.a. aber verhindert.
  • Beim Bergsteigen und Klettern werden die unteren Schwierigkeitsgrade UIAA I-III oft und gerne ohne Seilsicherung begangen. Nämlich dann, wenn die Kletterer glauben, ihr Absturzrisiko durch entsprechendes Können, Erfahrung, etc. entsprechend minimieren zu können. Die u.U. fatalen Konsequenzen bei einer Fehleinschätzung müssen ihnen allerdings klar sein. Je nach Route und Gelände müssen sie dabei auch Faktoren berücksichtigen, die sie nicht beeinflussen können: Steinschlag, Sturz einer vorauskletternden Person, gesundheitliche Probleme, Materialversagen usw.
    Das Risiko beim seilfreien Klettern liegt also offensichtlich in den meist tödlichen Konsequenzen, egal was die Ursache des Sturzes ist. Ebendiese Unfallursache lässt sich im beschriebenen Unfall auch nicht ermitteln.
  • An diesem Unfallbeispiel wird eine Besonderheit bei alpinen Ausbildungskursen aufgezeigt. Nämlich, dass manche Ausbilder ungesichert neben, vor oder hinter ihren Kunden klettern. Die Gründe dafür sind auf den ersten Blick tw. nachvollziehbar: sie beherrschen den Schwierigkeitsgrad souverän, sie können ihr Kunden ideal betreuen, sie stören den Sicherungsablauf nicht, sie können den Weiterweg erkunden usw.
    Auf den zweiten Blick wird das oben ausgeführte sichtbar: Sie sind ungesichert und riskieren bei einem Sturz – aus welchem Grund auch immer – ihr Leben. Was dann mit ihren Auszubildenden passiert ist ein weiteres Thema.
  • Ausbilder und Organisationen haben unterschiedliche Zugänge zu dieser Thematik. Oft wird es den Ausbildern überlassen, wann und wie sie sich sichern. Viele sind in den unteren Schwierigkeitsgraden ungesichert unterwegs und hängen sich bei Bedarf zu einer Seilschaft dazu. Dafür gibt es entsprechende Sicherungstechniken. Andere integrieren sich von Anfang an oder später in die Seilschaft, was je nach Gruppengröße und verfügbaren Seilen besser oder schlechter geht. Letztendlich ist jeder Ausbilder eigenverantwortlich, muss aber auch die Konsequenzen für seine Kunden im Falle seines Absturzes berücksichtigen.
  • Diese persönlichen Entscheidungsmöglichkeiten verhindern einige Organisationen, in dem sie von ihren Ausbildern verlangen prinzipiell immer so unterwegs sind, wie ihre Auszubildenden. Damit fallen Diskussionen weg und v.a. die direkte oder indirekte Einflussnahme von Kollegen, die seilfrei klettern. Wer möchte schon als weniger „gut“ dastehen und sich sichern „müssen“. Dass es aus rein pädagogischer Sicht und im Sinne einer Vorbildwirkung keine besonders grandiose Idee ist, sich so offensichtlich über seine Auszubildenden zu stellen, sei nur der Vollständigkeit halber erwähnt.

Michael Gruber
Alpinpolizist, AEG Gmunden

Bernhard Magritzer
Alpinpolizist, Leiter AEG Gmunden

Hinweis: Der Unfallbericht der Alpinpolizei wird für Beiträge dieser Rubrik redaktionell zusammengefasst und bearbeitet. Personenbezogene Daten werden entfernt, Fotos & Grafiken tw. bearbeitet bzw. ergänzt. Nach dem Bericht bzw. der Analyse der Alpinpolizei fasst die Redaktion (Alpinsachverständige & Bergführer) mögliche Learnings unter „Fazit“ zusammen.

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